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Wilma Blum: Schule in der Nachkriegszeit

Dieser Eintrag wurde von Wilma Blum (*1931) im August 2002 in Hamburg verfasst.

Nachkriegszeit in Hamburg

Am 3. Mai 1945 kapitulierte Reichsverteidigungskommissar Herr Karl Kaufmann. Hamburg wurde dadurch vor weiterer Zerstörung bewahrt.

Heiße Sommertage waren es, als die Engländer Stunde um Stunde mit ihrer Besatzungsmacht einrollten. Zuerst stand keiner am Straßenrand. Nach und nach stellten sich Frauen und Kinder dort hin. Ab und zu flog eine Tafel Schokolade zu uns.

In meiner Umgebung gab es drei Schulen. Alle waren in Mitleidenschaft gezogen. Sie wurden in Stand gesetzt, damit der Unterricht so schnell wie möglich beginnen konnte. Zuerst wurde überprüft, wie viele Mädchen in dieser Gegend wohnten. Die Zahl war geschrumpft. Viele waren verzogen oder dem Krieg zum Opfer gefallen. Alle Kinder aus der Umgebung mussten sich melden, und eine Mädchenklasse aus drei verschiedenen Schulen wurde gegründet. Wir waren zwischen 14 und 15 Jahren alt. Ostern 1946 sollten wir nach acht Jahren entlassen werden. Es war ein zusammengewürfelter Haufen Mädchen. Jede hatte etwas anderes erlebt und war daran gewachsen. Wir waren selbständig, nicht wehleidig und hatten nur das Überleben im Kopf, hatten Erlebnisse für Erwachsene hinter uns und waren sehr selbstsicher. Der schulische Bereich sah anders aus. Ich selbst war zu der Zeit in sieben Schulen gewesen. Die anderen Mädchen hatten gleichfalls mehrere verschiedene Schulen hinter sich. Wir verstanden uns gut. Unsere Lehrerin kannte keinen von uns. Sie versuchte uns in der kurzen Zeit, die wir hatten, wenigstens etwas beizubringen. Unser Wissen war das von Zwölfjährigen. Viele konnten durch die Wirrnisse der Zeit nicht zum Unterricht gehen, ihr Wissen war bei dem stehen geblieben, was zuletzt in ihrer Klasse durchgenommen wurde. Die Besatzungsmacht erhöhte daraufhin die Schulzeit um ein Jahr.

Schulspeisung

Für jedes Kind wurde eine Schulspeisung eingeführt. Es schmeckte sehr gut, und wir freuten uns darauf. Es gab damals so gut wie nichts zu essen. Freitags war ein neuer Aufruf für Lebensmittelmarken, die jeweils eine Woche galten. Ich hatte meine Lebensmittelkarte für mich alleine. Freitags holte ich alles auf einmal ab und aß es auf. So wenig gab es für die Woche. Durch die Schulspeisung, die es nur für Jugendliche gab, hatte ich jeden Tag meinen Teller Milchsuppe.

Wir hatten vier Stunden Unterricht. Fast zwei Stunden verloren wir durch das Geldeinsammeln für das Essen. Danach war eine Stunde Englisch, eine Stunde Rechnen und etwas Schreiben. In den Pausen guckten wir aus dem Fenster, dort sahen wir unsere geschlagene Armee in Zügen unter unserem Fenster vorbeifahren. Wir winkten zaghaft. Wenn wir sie sahen, waren wir sehr bedrückt. Ein paar Monate später wurde umgezogen in die Schule Norderstraße. Wir trugen alles, was es dort nicht mehr gab, in die neue Klasse. Die Lehrer, die in ihrer Not dort auch wohnten, hatten sich in andere Räume zurückgezogen. Hier wurde ich entlassen. Es gab eine kurze Ansprache zur Erinnerung. Keiner der Lehrer konnte feststellen, was jeder wirklich konnte, darum bekam jeder nur ein vorläufiges Abgangszeugnis, welches nie geändert wurde. Dieses Zeugnis hat mir in meinem späteren Leben nichts genützt.

Empfohlene Zitierweise:
Blum, Wilma: Schule in der Nachkriegszeit: Auf dem Rückweg nach Beuthen, in: LeMO-Zeitzeugen, Lebendiges Museum Online, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland,
URL: http://www.hdg.de/lemo/zeitzeugen/wilma-blum-schule-in-der-nachkriegszeit.html
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