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Dieser Eintrag stammt von Alfred Misselhorn (* 08.05.1928) . |
Volkssturm Kriegszerstörung Kriegsgefangene |
Tagebucheinträge vom 13.Januar 1945 bis zum 6. Juli 1948
Wir warten auf den Zug, der uns nach Goslar i. Harz bringen soll. In der Einberufung ist Goslar als Gestellungsort angegeben. Er wird wohl nicht der Standort sein. Der Zug läuft pünktlich ein. In zügiger Fahrt erreichen wir unser Ziel. Wir werden schon erwartet und zur Kaiserpfalz geleitet. Hier ist schon eine größere Anzahl Einberufener versammelt. Wir sind wohl die letzten, denn es folgt eine Ansprache und Hinweise auf die nächsten Erfassungsschritte. Listen werden durchgegangen und die Anwesenheit überprüft. Jeder so geprüfte Anwesende wurde zur anderen Seite des Platzes gewiesen. Hier erfolgte die Aufstellung in Marschordnung und jeder hatte sich der Größe nach einzuordnen. Der Schritt vom Zivilen zum Militärischen war vollzogen. Es gab kein Zurück mehr. Abmarsch zum Bahnhof. Hier stand schon ein Personenzug mit 3. Klasse-Abteilen bereit. Alle Abteile wurden gleichmäßig belegt, so dass jeder seinen Sitzplatz hatte. Das Gepäck wurde verstaut, noch ein Hinweis zur Verdunkelung und die Fahrt ging ab. Wo würden wir wohl landen? Es gab keinen Hinweis. Ich hätte gern die Kaiserpfalz von innen besichtigt, aber die Zeit wurde wohl zu knapp, es dunkelte schon.
Der Zug bzw. die Abteile sind überhitzt. Fenster werden aufgerissen, frische Luft tut gut. Langsam kehrt Ruhe ein. Jeder hat seinen Platz. Trotz Holzbänke kann man gut sitzen. Die Sitzfläche ist der Körperform angepasst, gute Arbeit. Die letzten Stullen werden ausgepackt und beim Essen wird gerätselt, wo die Fahrt wohl hingehen mag. Müdigkeit macht sich langsam breit. Jeder sucht eine bequeme Sitzhaltung und duselt ein. Das Fahrgeräusch und die gleichmäßigen Schienenstöße begleiten uns im Schlaf, gelegentlich unterbrochen vom lauten Rattern, wenn es über Weichen geht.
Die Nacht ist vorbei. Langsam wird es hell. Ein Blick aus dem Fenster zeigt uns eine weiße, flache Landschaft. Hier liegt sehr viel mehr Schnee als bei uns. Gegen 10:00 Uhr wird die Fahrt langsamer. Nach wenigen Minuten kommt der Zug zum Stehen. Einen Bahnhof gibt es nicht. Es kommt der Befehl zum Aussteigen und Antreten in Marschordnung. Es geht in die Schneewüste. Nach einiger Zeit tauchen Baracken auf. Wir sind angekommen, wissen aber nicht wo wir sind.
Heute ist der 14.01.1945, mittags um 12:00 Uhr stehen wir auf der Lagerstraße und werden vom Lagerführer begrüßt. Dienstgrad: Oberstfeldmeister. Kurze Begrüßung, Aufteilung in Trupps, gleich Stubenbelegung. Unser Truppführer stellt sich vor. Wegen meiner Größe bin ich im 1.Trupp. Die Stube ist warm. Ein großer Kanonenofen steht mitten in der Stube und strahlt uns dunkelrot an. Geheizt wird mit Steinkohle. Jeder sucht eine Schlafstelle. Doppelstockbetten. Ein langer Tisch auf beiden Seiten, Bänke und für jeden einen schmalen Spind für unsere Sachen. Der Truppführer schläft mit auf der Stube.
Am selben Tag noch werden wir eingekleidet. Alles getragene Sachen. Meine Hose ist in Kniehöhe doppelt geflickt. Unsere Zivilsachen mussten wir abgeben. Was ist das für ein Tausch! Ich wurde zu Hause noch fast ganz neu eingekleidet. Die Hose neu genäht aus blaugrauem Stoff, aus dem gleichen Stoff die Mütze. Der Wintermantel, wie auch der Stoff, waren von meiner Mutter eingetauscht worden gegen Lebensmittel. Die Stadtbevölkerung besserte so ihre knappe Versorgung mit Lebensmitteln auf. Wir gingen ins 6.Kriegsjahr. Ein weißer Rollkragenpullover, den meine Mutter aus der Wolle unseres Schafes gemacht hatte. Erst wurde die Wolle gesäubert, dann gekrätscht, gesponnen, gezwirnt und dann gestrickt, alles von Hand. Viel Arbeit hatte es meiner Mutter gekostet, ihn herzustellen. Ich hab‘ ihn gern getragen.
Unser Truppführer war nicht gerade mitteilsam, aber jetzt erfuhren wir, wo wir gelandet waren. Ober-Pritschen hieß der kleine Ort, zu dem unser Lager gehörte. 2 km weiter die kleine Stadt Fraustadt in Niederschlesien, östlich der Oder, direkt an der ehemaligen Staatsgrenze zu Polen. Wir waren ganz schön weit in einer Nacht nach Osten gekommen. Zu weit, nach meiner Ansicht. (...) Die militärische Lage war katastrophal. Seit 1943, nach Stalingrad, mein Bruder Arnold war dort mit der 6.Armee in den Tod gegangen, hatten wir fast alle eroberten Gebiete wieder verloren. Der Russe war schon einmal in Ostpreußen eingedrungen, konnte aber wieder vertrieben werden und stand jetzt östlich von Warschau. Seit dem Herbst 1944 ist es fast ruhig an der Ostfront. (...) Das Schlimme dabei ist, wir sind von allen Nachrichten abgeschnitten, keine Zeitung, kein Radio. Unsere Baracken stehen gut 1 km vom Ort auf freiem Feld, kein Kontakt zur Bevölkerung.
Der Dienstbetrieb nahm seinen Anfang. Ofendienst, Stubendienst, Kaffeeholer wurden bestimmt. Um 20:00 Uhr war Ruhe. Durchgehend geschlafen hatte ich nicht. Es war viel zu warm und der Ofendienst machte auch Krach beim Nachlegen. Um 6:00 Uhr war die Nacht vorbei. Raustreten mit freiem Oberkörper. Vor der Baracke antreten. Warten auf den letzten Mann, dann geht es im Laufschritt zur Waschbaracke. Es ist lausig kalt, unter –20°C. Der Waschraum ist riesig, lange Tröge über denen die Wasserleitung mit den Wasserhähnen angebracht ist. Kaltes Wasser natürlich nur und die Raumtemperatur nur so hoch, dass das Wasser in den Leitungen nicht einfrieren kann. Der Rückweg wie gehabt. Jetzt ist die Stubenwärme angebracht und wird von allen freudig begrüßt. Anziehen, Bettenbauen, den Stubendienst unterstützen. Kaffeeholer raustreten, gefrühstückt wird auf den Stuben. Wir haben ausreichend Zeit dafür. Der Morgenappell fällt aus. Die Schneemassen von den freigeschaufelten Wegen haben den Platz belegt. Unser Trupp zieht raus aufs feie Feld. Waffenkunde: "In wieviel Teile zerfällt der Karabiner 98K?" Antwort: "Es kommt darauf an, wie heftig er weggeworfen wird." Etwas Spaß muss dabei sein. So gehen die Tage ohne besondere Ereignisse vorbei. Aber jeder spürt es, glaube ich, es liegt eine gewisse Lähmung über allem. Die Kommandos werden nicht so laut gegeben. Kleine Vergehen werden übersehen und nicht geahndet. Ein Stubenkamerad ist bei der Lagerleitung als Kurier, Postbote oder auch als Laufjunge eingesetzt. Er verliert nicht viele Worte, vielleicht hat er auch Redeverbot. Ich hörte ihn eines Abends zu dem Truppenführer sagen, er möge doch bald Verbindung zu einem Mädchen, seine Freundin vielleicht, aufnehmen, sie würden evakuiert werden. Dorf und Stadt müssten geräumt werden. Er sagte auch etwas von vollen Straßen und langen Treckkolonnen.
Am 20.01.1945 wurde es offiziell. Für den nächsten Tag wurde die Räumung des Lagers bekannt gegeben. Eine rege Betriebsamkeit setzte ein. Wir, der 1.Trupp, sollte die Nachhut bilden. Wir werden also das Lager als letzte Einheit verlassen. Richtig schlafen hat wohl keiner können in der Nacht.
Am nächsten Morgen nach dem Frühstück ging es los. Feldküche mit Vorwagen, Verpflegungswagen mit Pferden bespannt und das Gros der Abteilung zogen ab, auf einer Nebenstraße Richtung Glogau. Unser Trupp blieb zurück, hatte aber einen anderen Führer, einen älteren Feldmeister bekommen. Wir durften nichts mitnehmen, nur was wir auf dem Leib trugen. Jeder erhielt ein Fahrrad und wir wurden bewaffnet. Russische Beutewaffen mit genügend Munition. Maschinenpistolen mit Trommeln an den Seiten und wassergekühlte Maschinengewehre. Alte, schwere Waffen – ob die uns was nützen werden in einer entsprechenden Situation? Keiner kannte sich mit den Dingern aus. Um 1500 Uhr setzten auch wir uns in Bewegung. Die Maschinengewehre auf den Fahrrädern festgebunden, Maschinenpistolen umgehängt, stapften wir, die Fahrräder schiebend, durch den Schnee. Trotz der eisigen Kälte, -20°C, wurde uns bald sehr warm. Die Straße ist sehr schmal und verläuft fast parallel in einigen Kilometern Abstand von der Reichsstraße auf Glogau zu. Wir sind allein, kein Mensch oder Fahrzeug ist auf der Straße zu sehen. Es wird schnell dunkel. Wir haben einen Weg von ca. 30 km vor uns. Der Feldmeister hält uns an, möglichst keine unnötigen Geräusche zu machen und nicht laut zu sprechen. Wir passieren das Dorf Guhlau. Es ist ohne Leben, kein Geräusch ist zu hören. Wir streben eilig weiter. Sollten wir tatsächlich die Letzten sein?
Nach Stunden hörten wir Motorengeräusche. Plötzlich waren wir auf der Reichsstraße, unsere mündete hier ein. Ein ganz anderes Bild bot sich uns. Hier musste das Gros der Flüchtlingstrecks gezogen sein und gleichzeitig war es die Rückzugsstraße der Wehrmacht. In den Straßengräben lagen zerbrochene Wagen, tote Pferde lagen dazwischen. Ob auch noch tote Menschen dort lagen? Die Kälte machte sich jetzt in der Nacht besonders bemerkbar. Weit unter –20°C und die Bilder am Straßenrand ließen uns frieren. Die Motorengeräusche kamen von einer Wehrmachtskolonne, Tieflader mit Panzer darauf fuhren an uns vorbei. Sie nahmen die ganze Straßenbreite ein. Wir hatten uns zwischen die Bäume, die die Straße säumten, zurückgezogen. Wie mag es wohl den Flüchtlingstrecks in solch einer Situation ergehen? Die Straße muss freigemacht werden. Das heißt: ab in den Graben. Ohne Bruch wird das wohl nicht abgehen. Wir kämpften uns noch ca. 8 km auf dieser Straße bis Glogau durch. Als wir spät in der Nacht die Oderbrücke überquerten, war uns wohler. Quartier bezogen wir in der Innenstadt, größeres, älteres Gebäude mit sehr dicken Mauern. Wir durften das Gebäude nicht verlassen. Nur Arbeitsdienstmann Baumann als Meldegänger hatte Verbindung mit der Außenwelt, berichtete von übervollen Straßen, Panikverkäufen der Geschäfte. Er selber hatte einen goldenen Siegelring billig erstanden. Von der militärischen Gesamtlage an der zusammengebrochenen Front hörten wir so viel wie gar nichts. Die Stadt wurde zur Festung erklärt. Das hieß: alles was zur Verteidigung gebraucht wurde, musste in der Stadt bleiben. Trotzdem hatte unser Oberstfeldmeister (Abteilungsführer) einen Marschbefehl und Passierschein für unsere Abteilung vom Festungskommandant erhalten.
Am 23.01. sind wir abgerückt. Unser Trupp ist Vorauskommando, aber ohne Bewaffnung und soll Quartier suchen. Die Marschrichtung südwestlich auf Primkenau zu. Gleich hinter Glogau an einer strategischen Kreuzung auf einer weiten Ebene ohne Strauch und Baum werden wir von einer Einheit der Militärpolizei, die sich dort mit mehreren Maschinengewehren eingegraben hatte, kontrolliert. Trotz des Marschbefehls, den unser Feldmeister vorweisen konnte, kam es zu einer längeren Diskussion. Am Ende konnten wir doch weiterziehen. Erleichterung machte sich breit. Trotz des Schnees marschierten wir zügiger und kamen dabei ins Dampfen.
Nach einiger Zeit wurden wir vom Feldmeister darauf aufmerksam gemacht, dass unsere Ohren und die Nase steif gefroren waren. Unbemerkt von uns, da der Körper sonst am Dampfen war, hatte der eiskalte Wind diese ungeschützten Körperteile erstarren lassen. Wir rieben vorsichtig das Gesicht mit Schnee ab, um das Blut dort wieder zum Fließen zu bringen. Von Zeit zu Zeit mussten wir nun das Gesicht mit Schnee abreiben. Der Wind ließ nicht nach. Er wurde heftiger und steigerte sich noch zu einem Schneesturm. Auf dem Wege sahen wir keinen Menschen; keine Flüchtlinge und auch nichts von der Wehrmacht. Die Dörfer schienen alle verlassen zu sein. Es war Niemandsland – wortwörtlich.
Nach ca. 30 km, in dem Dorf Krampf, bogen wir auf ein großes Gut ein. Hier waren Ställe und Scheunen in ausreichender Größe für die ganze Abteilung vorhanden. Die Ställe voller Vieh und das Personal war teilweise auch noch da. Milch in jeder Menge stand zur Verfügung. Man hatte keine Verwendung mehr dafür. Es war schon dunkel als die Abteilung eintrudelte. Wie man merkte: in einem bedenklichen Zustand. Trockenverpflegung wurde ausgegeben und jeder suchte sich einen Platz zum Schlafen, mit der Auflage, sofort abmarschbereit zu sein; also krochen wir in voller Montur unter abgebansten Roggen. Es war ein Fehler, wie sich am nächsten Morgen herausstellte.
Ich war steif gefroren. Das heißt, meine Klamotten am Leib waren hart und steif, besonders die Fußlappen in den Schuhen. Es schmerzte richtig bei den ersten Schritten. Wir mussten uns erst wieder warm laufen. Der ungedroschene Roggen hatte uns nicht ausreichend vor der Kälte geschützt. Es war eine Lehre für mich, die ich berücksichtigen musste für die kommenden Nächte.
Beim Appell war die halbe Abteilung noch besoffen. Unterwegs hatten sie eine verlassene Gastwirtschaft ausgeräumt. Es war aber keiner verlustig gegangen. (...)
Nach ca. 33 km, in dem Ort Kosel, wieder Quartier auf einem Gut.
Nach einem Tag Ruhe ging es am 30.01. weiter, ca. 20 km nach Wiesau, kurz vor Brunslau.
Am nächsten Tag, den 31.01.45, ging es gleich weiter, ca. 21 km nach Naumburg an der Queis. Hier zogen wir in ein geräumtes Lazarett. Es hieß Pelikan und war einstmals ein Kloster mit dicken Mauern, aber sonst vollkommen leer. Am nächsten Morgen zogen wir um. Es ging, abseits gelegen von den großen Durchgangsstraßen, ca. 1 km nach Ullersdorf. Hier blieben wir wieder 9 Tage, möglichst unsichtbar für den Heldenklau (Feldjäger).
Am 11.02.45 trotteten wir ca. 16 km weiter nach Lauban.
Am übernächsten Tag, den 13.02. weiter ca. 19 km nach Schönberg. Jetzt hatten wir uns eingelaufen, es ging gleich am nächsten Tag, den 14.02. ca. 28 km weiter nach Kemnitz.
Am 15.02. nach Hochkirch, 20 km. Hier hatte Friedrich der Große eine seiner vielen Schlachten geschlagen.
Am nächsten Tag verließen wir schon wieder den geschichtsträchtigen Boden und marschierten am 16.02. ca. 10 km weiter nach Auritz bei Bautzen. Hier blieben wir einige Tage.
Es wurde gemunkelt, wir sollten mit der Bahn transportiert werden. Inzwischen waren wir über 240 km gelaufen, wenn auch mit einigen kurzen oder längeren Pausen, aber unter sehr widrigen Umständen. Die Kälte hatte merklich nachgelassen. Am 22.02. war es so weit. Um 16:00 Uhr rückten wir ab Richtung Güterbahnhof. Ein Güterzug stand bereit. Ausgerüstet mit ausreichend Stroh in allen Waggons und einem kleinen Ofen in der Mitte, mit Heizmaterial Kohle und Holz. In diesen lausigen Zeiten, wo Hunderttausende auf der Straße liegen, für uns einen Zug mit Komfort. Wir müssen denen, wer immer sie sind, viel Wert sein.
Am 23.02., um 5:00 Uhr in der Frühe, setzt sich der Zug in Bewegung. Tagsüber haben wir die Waggontür auf und lassen die Beine baumeln. Es ist reichlich Platz, Sitzgelegenheiten auf Strohballen.
Wenn wir auch Hab und Gut verloren haben, im Augenblick geht es uns richtig gut. Wir fahren viele Umwege. Sehen von weitem die Bastei im Elbsandsteingebirge, streifen Dresden, Leipzig und Weimar. Über Erfurt nach Bad Neustadt an der fränkischen Saale. Wir hatten 5 Tage gebraucht für eine Strecke, die wir auf dem Hinweg in einem ¾ Tag geschafft hatten. Uns war es recht. Ohne einen Angriff aus der Luft, nur mit einigen Stops zur Sicherheit auf abgelegenen Strecken und gut versorgt. Wir waren wieder zu Kräften gekommen und für neue Abenteuer bereit. Aussteigen, ausladen und antreten. Zählappell wegen der Vollzähligkeit und Abmarsch. Wir sind in einer ganz anderen Landschaft; Berge und dunkler Wald. Das Laufen strengt doppelt an nach den schönen Tagen. Wir sind in der Rhön. Nach 15 km haben wir Bischofsheim a.d. Rhön erreicht.
Es ist der 1.März. Die hiesigen RAD-Baracken wollen uns nicht aufnehmen. Wir werden notdürftig untergebracht.
Wir ziehen weiter nach Weißbach, 5 km. Hier werden neue Ausbilder gesucht. Die bisherigen Ausbilder müssen an die Wehrmacht abgegeben werden. Ich gehöre zu den Auserwählten. Am 4.März vor dem Oberstfeldmeister eine Feinauslese. Ich falle durch das Sieb.
Am 5.März wieder Standortwechsel. Wir ziehen nach Oberelsbach.
Am 7.März erscheint eine Wehrmachtskommission. Mann für Mann wird vorgeladen und nach seinen Vorstellungen betreffs Truppenteil befragt. Ich erwähne die Panzerjäger und bekomme einen Marschbefehl nach Straubing/Bayern.
Am 8.März ist noch mal schießen mit Karabiner 98 K. Ich erreiche auf 200 m Entfernung auf Scheibe 30 Ring mit 3 Schuss.
9.März, wir ziehen wieder mal um, zurück nach Weißbach, und sind entlassen.
Wir trotten die 15 km zum Bahnhof Bad Neustadt. Bei mir ist H.H. Lutterloh. Auf dem Bahnhof steht gerade ein Personenzug Richtung Gotha, Eisenach, Göttingen. Wir müssen aber beide Richtung Süden nach Schweinfurt. Zeit zum Überlegen hatten wir nicht. Der Zug fuhr an, wir stiegen ein und gingen ein großes Risiko ein. Ohne Papiere und Marschbefehl für diese Richtung. Bei einer Entdeckung wären wir arm dran gewesen. Wir hatten riesiges Glück. Nicht ein mal sind wir auf der ganzen Fahrt bis Eschede kontrolliert worden. Benutzten nur Personenzüge. Wenn wir umsteigen mussten, drückten wir uns auf den Bahnsteigen in dunkle Ecken.
Die Freude zu Hause war groß, schon lange hatten die Eltern keine Post erhalten. Die einzigen Briefe, noch aus Schlesien, erhielten sie erst, als in den Wehrmachtsberichten die Städte schon von den Russen besetzt oder eingeschlossen gemeldet waren. Sie waren in großer Sorge gewesen. Die Schwiegereltern meiner Schwester aus Neustettin/Pommern hatten sich bei uns einquartiert. Mussten alles im Stich lassen. Nur kleines Gepäck konnten sie mitnehmen. Ich blieb 3 Tage; aber unsichtbar für die Scharnhorster. Von meiner Mutter gut versorgt. Wir waren nicht von Eschede wieder abgefahren. Mein Vater brachte uns mit dem Bulldog und Anhänger nach Celle zu Onkel und Tante. Sie führten das Hehlentorstift auf dem Harburger Berg. H.H. Lutterloh hatten wir in Eschede aufgeladen. Wir hatten einen Zug kurz vor Mitternacht ausgemacht, in der Hoffnung, die Kontrollen auf dem Bahnhof wären dann nicht mehr so scharf. Wir hatten richtig kalkuliert. Unseren Marschbefehl mit dem dicken roten Strich diagonal über das ganze Dokument nahm man nur flüchtig in die Hand. Wir passierten die Sperre. Nach einigen Metern drehte ich mich um und winkte Onkel und Tante noch einmal zu. Wir waren allein und das Abenteuer begann aufs Neue.
Der Zug lief mit Verspätung ein, aber das war normal in dieser Zeit. Er hätte ja auch ganz ausfallen können. In dieser Nacht flogen die Alliierten wohl keine größeren Bombenangriffe. In zügiger Fahrt ging es über Hannover, Richtung Würzburg. Ein Oberfeldwebel sprach uns an. Wo wir jungen Hüpfer in RAD-Uniformen denn hin wollten. Wir waren ja immer noch keine 17 Jahre. Im Mai hatte ich ja erst Geburtstag. Nachdem wir ihn aufgeklärt hatten, dass wir auf dem Weg zu unseren Einberufungsstandorten der Wehrmacht waren, erzählte er uns von den Widrigkeiten des damaligen Lebens. So verging die Zeit schnell. Bei Hellwerden am nächsten Morgen fuhren wir sehr langsam in Würzburg ein. Links und rechts die Weinberge bis zu den Bahngleisen runter. Wir machten ein Fenster auf und bemerkten sofort den Brandgeruch. An einigen Stellen in der Stadt war noch Feuer zu sehen. Hier hatten die feindlichen Bomber wieder eine schöne Stadt in Schutt und Asche gebombt.
Wir brauchten unseren Zug nicht verlassen. Irgendwie sind wir am Rande der Stadt auf die richtigen Schienen nach Nürnberg gekommen. Vom Zentrum haben wir nichts gesehen. Unsere Fahrt war in Fürth zu Ende. Es ging nicht mehr weiter. Hier trennten sich auch unsere Wege. H.H. Lutterloh musste nach Ansbach und ich nach Straubing. Laut Auskunft hatte ich erst wieder Bahnanschluss in Dutzendteich ganz auf der südöstlichen Seite von Nürnberg. Irgendeine Fahrgelegenheit gab es nicht. Wie sollte es auch. Mich empfing eine unvorstellbare Trümmerwüste. Wege gab es nicht mehr, es waren nur Trampelpfade, die zwischen den Trümmerbergen freigeschaufelt waren. Dies sollte mal eine Stadt gewesen sein! Hier hausten keine Überlebenden mehr. Selbst das Ungeziefer wird die Stätte des Grauens längst verlassen haben.
Wir waren doch erst am 17.12.1944 hier in Nürnberg auf dem Hauptbahnhof gewesen, da war er noch unzerstört und sauber gewesen. Fritz Pralle und ich hatten damals von unserer Ausbildungsfirma Rheinmetall einen zehntägigen Aufenthalt in Vorra an der Pegnitz für unsere Leistungen erhalten. Wir mussten hier umsteigen, kamen spätabends hier an. Es gab Fliegeralarm und wir hatten eine längere Wartezeit auf den Anschlusszug. Die Durchsagen über die Flugrichtung des Bomberpulkes waren bedrohlich. Ein Zug stand zur Abfahrt in unserer alten Richtung bereit. Wir überlegten nicht lange und stiegen ein. Ob in dieser Nacht wieder Nürnberg Ziel der Angriffe war, kann ich nicht mehr sagen. Wir waren wieder auf dem Heimweg. Auch die Firma machte uns keine Schwierigkeiten. Unzählige Angriffe hatte die Stadt über sich ergehen lassen müssen. Es war die Stadt der Bewegung. Hier fanden die großen Aufmärsche der Partei statt. Hier wurde Stärke demonstriert und unsere Gegner in diesem Krieg wurden in heftigen Reden angegriffen. Die Stadt hat jetzt die Vergeltung zu spüren bekommen.
Durch diese Wüste bin ich 10-12 km gelaufen. Wie ich den Weg gefunden habe, kann ich nicht sagen, ich bin in Dutzendteich angekommen. Hier stand die halbfertige riesige Kongresshalle noch. Das Reichsparteitagsgelände mit seinen riesigen Einfassungsmonumenten hatte nicht den geringsten Schaden genommen. Es ist unverständlich. Bis zur Abfahrt meines Zuges habe ich viel Zeit. Habe mir das Gelände angesehen, bin der einzige Besucher.
In Straubing in der Kaserne wissen sie mit uns nichts anzufangen. Ich bin nicht mehr allein. Wir stehen hier am Rande des Exerzierplatzes. Keiner kümmert sich um uns. Ich hätte auch zu Hause bleiben können, fällt mir ein. Jemand schreit über den Platz: Können Sie nicht grüßen? Bin der einzige in Uniform und wohl gemeint. Es ist ein Schmalspur- und Verwaltungsoffizier mit großem Geltungsbewusstsein. Hat das Kasernengelände wohl nie verlassen. Keine Soldaten, aber die Verwaltung arbeitet noch.
Das Warten hat ein Ende. Uns wird klargemacht, dass Panzerjäger nicht mehr gebraucht werden. Wir sollen nach Regensburg zu den Panzergrenadieren. Es wird ein LKW aufgetrieben und los geht’s.
21.März: In Regensburg hat man auf uns gewartet. Es geht alles sehr schnell. Einkleiden, Einweisung in die Räumlichkeiten. Einordnen zu den Einheiten. Ich bin Schütze im Panzergrenadierersatz- und Ausbildungsbataillon 20, Regensburg 3. Kompanie.
Heute ist Karfreitag, der 30.März 1945. Auf dem Appellplatz hält ein Oberleutnant eine Ansprache. Der Jahrgang 28 ist die letzte Hoffnung, um eine Wende im Kriegsgeschehen zu erreichen. Wir sollen mittags 1 Stunde Bettruhe halten und auch um 9:00 Uhr den Zapfen streichen. Alles für den Endsieg.
Ostersonntag. Das ganze Bataillon ist unterwegs zur Walhalla, hinter Donaustauf erhöht am Donauufer gelegen. Wir sollen vereidigt werden. Hinter der Ruhmeshalle nehmen wir Aufstellung. Es ist eine kurze Zeremonie. Jede Kompanie entsendet 3 Mann zur Truppenfahne. Ich bin dabei. Wir müssen symbolisch für alle die Hand auf die Fahne legen und sprechen den Eid nach. Auf Kommando, leise gesprochen, wenden alle 3 Abordnungen und marschieren zu ihren Kompanien. Hat ganz gut geklappt. Es geht wieder in die Kaserne zurück. Eine Wegstrecke sind immerhin ca. 8 km. Wir sind auf dem Weg zum Truppenübungsplatz Hohenfels. Bepackt mit der ganzen Ausrüstung. Mantel an, Tornister bepackt mit unseren Habseligkeiten und Decken, Gasmaske, Brotbeutel und Feldflasche auf dem Rücken. Dazu den Karabiner mit Patronentaschen und 5 Platzpatronen. Den Stahlhelm nicht zu vergessen. Gut 30 km ist der Weg lang.
Auf halber Strecke werden wir einquartiert. Ich komme mit 4 Kameraden auf einen großen Hof. Liegt abseits der Ortschaft auf einem Hügel. Sieht von weitem aus wie eine kleine Festung. Also wieder laufen.
Unterwegs, es geht nur über Wiesen, verschießen wir unsere Platzpatronen und melden uns so gleichzeitig an. Werden empfangen von einem jungen Oberleutnant, ist verwundet und wohl auf Genesungsurlaub, und seiner Frau. Wir stellen uns vor. Ich bin immer noch 16 Jahre und sehe ein Kopfschütteln auf der anderen Seite. Wir werden gut bewirtet, Knödel mit Schweinefleisch mit viel Fett. Ist nicht so meine Sache. Suche mir etwas Fleisch aus, viel Soße und Knödel. Für das Fett habe ich Abnehmer. Zum Schlafen stehen Federbetten bereit.
Ich hab herrlich geschlafen. Die Verabschiedung ist herzlich. Es geht weiter über grüne Wiesen querbeet.
Wir kommen an einem einsam gelegenen, kleinen Hof vorbei. Hier war der erste Ritterkreuzträger aus den Mannschaftsdienstgraden zu Hause. Es war ein Feldwebel, der mit seinem Fahrer auf einem Krad mit Beiwagen im Frankreichfeldzug ein ganzes Regiment zur Übergabe überreden konnte. Wie kam es dazu? Beim Vormarsch hatten sie sich verfahren und waren weit vor den deutschen Spitzen plötzlich auf eine große Marschkolonne gestoßen. Umdrehen ging nicht mehr. Sie schwenkten einen weißen Stofffetzen und fuhren auf die Kolonne weiter zu. Mit Argumenten, die keine waren, wie, die Stukas seien schon im Anflug und sie müssten sich sofort entscheiden, um der völligen Vernichtung zu entgehen, erreichten sie die Kapitulation. Der Anführer, ein hoher Offizier, hat sich abseits der Straße dann erschossen. Auch der Feldwebel ist nicht mehr am Leben, Schicksale im Krieg. Der Marsch querfeldein war sicher geplant. Unsere Moral sollte aufgebessert werden mit dieser Anekdote.
Wir erreichten den Truppenübungsplatz, mussten ihn über in den Fels geschlagene Stufen regelrecht ersteigen. Er liegt auf einem Plateau. Unser Lager ist eine Ansammlung von Baracken. Am nächsten Tag muss ich mich krankmelden. Mein rechter Arm verweigert den Dienst. Die Tragriemen von Tornister und Karabiner haben in der Schulter einen Nerv abgedrückt. Ich bekomme Stubendienst. Nach 2 Ruhetagen muss ich wieder mitmachen. Der Arm ist noch nicht in Ordnung. Der Karabiner fällt mir oft aus der Hand. Ich muss mich durchbeißen.
Tag und Nacht geht es jetzt raus. Orientierungsmärsche in der Nacht nach Kompass und nach den Sternen, Scharfschießen mit Karabiner, MG und Panzerfaust. Der beste Schütze beim Schießen auf die Scheibe wird vom Kompanieführer zum Essen eingeladen. Die Offiziere haben ein besseres Essen als die übrige Truppe, mit süßen Pellkartoffeln zum Mittag und sonst nur Kommissbrot mit etwas Aufschnitt oder Käse. Es muss ihm Mut gemacht haben.
Am nächsten Morgen ist er nicht mehr da, desertiert von der Truppe. Vielleicht hat der Kompanieführer über die Lage an den Fronten und wo die Amerikaner in unserem Raum stehen, gesprochen. Er wird sich auch gut auskennen in dieser Gegend. Wir haben keine Ahnung. Uns ist das Gefühl für Raum und Zeit abhanden gekommen.
Wir rücken ab. Es muss der 19.April sein. Richtung Norden, quer über den Übungsplatz. Wir erreichen eine einsame Scheune. Sturmgepäck ist angesagt. Das heißt, bis auf Gasmaske, Brotbeutel und Feldflasche, Stahlhelm, Karabiner und Munition bleibt alles in der Scheune, auf nimmer Wiedersehen zurück.
Wir ziehen weiter, mittlerweile ist es dunkel geworden. Bilden eine Reihe mit Abstand, dass wir uns von Mann zu Mann mit leisem Zuruf verständigen können.
Der Amerikaner schießt Störfeuer. Wir hören die Abschüsse in der Ferne. Plötzlich ein Gluckern und Rauschen vom Berg rechts her, dann ein ohrenbetäubender Krach. Wir waren drangewesen. Der Berg hatte den Schall abgehalten und so war die Zeit für das Kommando: ‚Volle Deckung‘ nicht mehr ausreichend. Ich war auch so in den Graben gesprungen. Es prasselte ganz schön um uns auf den Boden. War ein schweres Kaliber.
Es kam die Frage durch die Reihe: "Alles in Ordnung?".
Antwort: "Alles in Ordnung!".
Darauf hieß es: "Weiter."
Wir hörten die Abschüsse in der Ferne weiter, blieben aber von Einschlägen verschont. Wir waren nicht gezielt beschossen worden.
Bei Hellwerden am nächsten Morgen fanden wir uns auf einem Berg in einer Waldlichtung wieder. Das ganze Bataillon war angetreten. Es wimmelte nur so von Offizieren. Kannten wir bisher doch nur unseren Kompanieführer. Wir bildeten ein offenes Viereck. Auf 3 Seiten je eine Kompanie. Auf der verbliebenen Seite standen die Offiziere. Der Bataillonskommandeur (oder war es der NS-Führungsoffizier?) hielt eine Ansprache, in der es von Erschießungen nur so wimmelte. Ich verstand nur so viel: Ob wir vorwärtsstürmen oder zurücklaufen würden, in jedem Fall müssten wir damit rechnen, erschossen zu werden. Das sind die letzten Atemzüge des einstmals Großdeutschen Reiches.
Wir sollen uns eingraben, oben am Berg im Wald. Bin mit einem Gleichaltrigen zusammen. Haben nur einen Spaten. Wir wechseln uns ab mit dem Schaufeln. Der Boden ist sehr steinig. In ¾ m Tiefe ist Schluss, Felsen. Wir erweitern das Loch nach hinten, so haben wir beide Platz. Den hinteren Teil decken wir mit einem großen, flachen Stein ab. So ist einer auch von oben geschützt. Der restliche Tag ist damit ausgefüllt. Verpflegung gibt es keine. Wir verkriechen uns in dem Loch und wechseln uns bei der Beobachtung des Geländes ab. Weit unten im Tal liegt ein Dorf. Es ist schlecht von hier oben einzusehen. Man sieht nur die Kirchturmspitze.
Die Nacht vergeht, ohne rechten Schlaf zu finden.
Ein Spähtrupp soll erkunden, ob der Amerikaner schon in dem Dorf ist. Er ist bald wieder zurück. Sieht ein bisschen ramponiert aus. Ein Soldat kann sein Kochgeschirr nicht mehr benutzen, es weist ein Loch auf. Sonst sind alle heil geblieben.
Kurze Zeit später heißt es: "Fertigmachen zum Sturmangriff!" Wir sollen dem Ami zeigen, was 'ne Harke ist. Außer ein paar jungen Leutnants ist von den vielen Offizieren nichts mehr zu sehen.
Auf einmal ein Heulen, Krachen, Blitzen, die Luft wird eisenhaltig. Der ganze Abhang vor unserer Stellung liegt unter Artilleriebeschuss. Schrapnell, die Granaten explodieren einige Meter über dem Boden, um die Splitterwirkung zu erhöhen. Ein langsames Flugzeug taucht auf. Der Beobachter gibt seine Erkenntnisse an die Artillerie weiter und leitet so den Beschuss. Der Sturmangriff wird abgeblasen. Jeder soll sich in Eigenverantwortung durchschlagen. Also Auflösung. Im Nu ist fast keiner mehr zu sehen. Die Offiziere wurden unsichtbar.
Ich fand mich in einer Gruppe wieder, die von einem Feldwebel angeführt wurde. Waren 6 Mann und liefen erstmal vorm Artilleriefeuer weg in den Wald. Um Verluste kümmerte sich keiner mehr. Sollte es einen erwischt haben, war er arm dran. Wir wollten versuchen, uns nach Hause durchzuschlagen. Richtung Norden. Ich hatte von allen den weitesten Weg. Wir marschierten nur im Wald und nur in den Bergen. Nach einiger Zeit ein Dorf vor uns im Tal. Wir beschlossen, abzusteigen, um uns etwas zum Essen zu holen. Auf halbem Wege mussten wir umkehren. Das Dorf war nur noch Feuer und Rauch. Hier war der Ami also noch nicht. Es nutzte uns aber nichts, wir nahmen die andere Richtung und verzogen uns wieder in den Wald. Kurz vorm Dunkelwerden tauchte ein einzelner Bauernhof unten am Berg auf einer freien Fläche auf. Kurze Beratung und einer allein ging runter. Er sollte die Lage peilen und fragen, ob wir in der Scheune übernachten könnten. Wir durften.
Bei Dunkelheit stiegen wir ab und verkrochen uns unter einem Einstreuhaufen. So waren wir vorm Wetter geschützt und bekamen später auch noch eine Scheibe Brot mit Auflage. Spät in der Nacht kam die Bauersfrau noch einmal und wollte uns warnen: Ein Trupp SS-Leute, bewaffnet bis an die Zähne, hätte sich im Haus einquartiert, wir sollten uns ja ruhig verhalten. Maschinengewehrfeuer weckt mich. Ein größeres Kaliber antwortet. Laute Kommandos und Rufe in englischer Sprache. Die Amis nehmen hinter der Scheune Stellung und feuern durch die Bretterwände auf das massive Wohnhaus. Ein Krachen, Bersten, Blitzen, Funkensprühen über uns. Es ist die Hölle los. Wir liegen zwischen den sich beschießenden Einheiten; hinter der Scheune die Amerikaner und aus dem Wohnhaus die SS, also im Feuer der eigenen Leute.
Ein Schrei, ich hab einen Streifschuss abbekommen aus unserer Mitte. Der war so laut, dass die Amis es draußen hörten. Die Bretter der Außenwand wurden durchgetreten und herausgerissen. Wir wurden unsanft aufgefordert, nach draußen zu kommen. Es fielen keine Schüsse mehr. Wir mussten uns mit dem Gesicht zur Scheune stellen. Arme hoch an die Wand und Beine breit. Wer nicht gleich verstand, wurde mit Fußtritten und Kolbenstößen belehrt. Jeder wurde abgeklopft und die Taschen mussten geleert werden. Aus dem Haus holten die Amis einen SS-Mann unversehrt und einen mit einem Oberschenkeldurchschuss. Ob es weitere Opfer, auch unter den Bewohnern gegeben hat, kann ich nicht sagen. Wir hatten riesiges Glück. Der Verwundete wurde auf den Kühler eines Jeeps gesetzt und wir zogen mit erhobenen Händen ab. Ich konnte mein Soldbuch ungesehen wieder einstecken.
Es musste der 22.04.45 sein. Der Trupp stieß in Schmidtmühlen auf die Vormarschstraße seiner Einheit. Wir wurden in einer Kneipe unter Bewachung zurückgelassen. Aus dem Fenster sah ich ein junges Mädchen, ca. 17 Jahre, auf einem Panzer. Vor einigen Tagen poussierte sie noch mit unserem Unteroffizier. Hatte schnell die Front gewechselt.
Als die Einheit der Amis durchgezogen und die Straße leerer wurde, setzte man uns auf einen LKW, 3-Achser, mit niedrigen Seitenwänden. Wir mussten höllisch aufpassen, um nicht von der Ladefläche zu fliegen. Nach gut 10 km absitzen. Es wurde dunkel. Auf einem größeren Platz ein grauer Haufen. Wir mussten uns dazusetzen. Links und rechts standen Panzerwagen, unsere Bewachung. Angestrahlt von Scheinwerfern in der Nacht, durften wir uns nicht erheben. Sollte doch einmal einer aus dieser misslichen Lage, es war nass und kalt, eine andere suchen und etwas mehr nach oben kommen, peitschten gleich Schüsse über uns weg.
Im Dunkeln wurden wir wieder verladen. Dieselben LKWs, es wurde gezählt. 60 Mann mussten rauf. Die hintere Ladeklappe ging nur mit Gewalt zu. Es wurde lebensgefährlich. Vorne musste einer die Kurven angeben, damit die Menschenfracht entsprechend reagieren konnte. Die Seitenwände reichten nur bis zur Hüfte und wir standen dicht an dicht, konnten kaum die Füße bewegen. Auf Kommando gingen wir in den Kurven dann immer in Vorlage. Es sollen schon Seitenwände gebrochen sein und Tote und Verletzte gegeben haben. Den Fahrern, es waren durchweg Schwarze, war es egal. Wir hielten vor einem Tor: absteigen. Eine Halle nahm uns auf, 3- stöckige Holzgestelle standen in Reihen. Trotz des Gedränges in der Halle waren sehr viele dieser Liegestätten nicht besetzt. Ich schwang mich in eine rein, wenn es auch hart war, konnte man sich doch endlich mal wieder lang machen. Kurze Zeit später war das Rätsel über die Leerstände der Liegestätten gelöst: Läuse in Massen.
22.April, Ich wieder raus. Hörte von Fahrten, die von hier weg gingen. Schob mich zum Tor und sah links und rechts der Straße aus den Fenstern mehrgeschossiger Häuser Frauen in gestreiften Kleidungen lehnen. Sie schrien und keiften, feuerten die Schwarzen beim Verladen der Gefangenen an, und die gaben ihr Bestes. LKW auf LKW wurde beladen. Ich war dran, wollte mich seitlich von den Hinterrädern über die Seitenplanke schwingen. Ein baumlanger Neger gab mir einen Schlag auf den Kopf, ich fiel runter, ein Fußtritt und ich war am hinteren Wagenende. Hier standen mehrere Schwarze, die jeden von uns absuchten. Sie wollten Uhren. Erst die Arme, dann die Hose und die Taschen wurden befühlt. Ich hatte noch einen Schlüsselring an einer Kette in der Uhrtasche. Er wurde herausgerissen. Aus Enttäuschung, keine Uhr gefunden zu haben, erhielt ich wieder einen Tritt und landete auf der Ladefl äche. Kastl heißt der Ort und in der Halle waren die Frauen untergebracht gewesen. Es wurde eine lange Fahrt. Am nächsten Morgen; ein riesiges Lager auf freiem Felde. Es müssen Tausende sein, die hier hinter Stacheldraht eingepfercht sind. Wir sind angekommen im Lager Langenzenn. Es besteht aus 3 Camps. Wir kommen in das weniger volle 3. Camp. Es ist kalt und es regnet und schneit abwechselnd. Kein Baum und kein Strauch zum Unterstellen. Ich habe nur, was ich auf dem Leib trage, keinen Mantel, nix. Langsam dringt die Nässe bis auf die Haut vor. Mir geht es aber nicht allein so. Ich tue mich mit 2 Gleichaltrigen zusammen. Die haben auch nix. Es muss der 26. April 45 sein.
Gegen Mittag kommen Amis ins Camp. Wir werden zusammen getrieben, so dass die Hälfte des Camps frei wird. LKWs fahren rein und laden ab. Es bilden sich Schlangen, die langsam an den abgeladenen Kisten vorbei ziehen. Jeder bekommt eine Einmannration von den Amis ausgehändigt. Wie lange ist es her, dass ich was gegessen habe. Ich komme auf 7 Tage, eine ganze Woche, die eine Scheibe Brot zählt nicht mit. Wir hocken uns zusammen hin und haben in kurzer Zeit alles aufgegessen. Es folgt eine lange Nacht. An Schlafen in dieser Situation ist nicht zu denken. Mit den leeren kleinen Büchsen heben wir eine Mulde aus und schichten einen Damm in Windrichtung auf. Hoffen auf etwas Schutz vor dem Wind. Gefangene sind nicht gleich Gefangene, müssen wir feststellen. Es gibt einige, die haben volle Rucksäcke, Mäntel, Decken und Zeltbahnen. Können sich so gut einrichten und auch noch was futtern. Es sind Angehörige von Einheiten, die geschlossen und vorbereitet in die Gefangenschaft gingen. Dazu gehören Einrichtungen der 3 Wehrmachtsteile wie Kasernen, Depots, Flugplätze und Verwaltungen. Wir würden vor die Hunde gehen bei diesem Wetter, wenn wir uns nichts organisieren. Abends wird das Wiegenlied von Joh. Brahms angestimmt. Erst zaghaft an einem Ende des Lagers: "Guten Abend, gute Nacht", es sangen immer mehr, in den Kehrreim: "Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt", stimmte dann das ganze Lager ein. Es ist schon anrührend, wenn ca. 15000 Kehlen singen. Das muss bis Fürth zu hören sein.
Wir waren uns einig, wir mussten uns selbst helfen. Jeder sollte sein Glück versuchen.
Es war mit viel Geduld verbunden, bis ich eine Decke so weit gelöst hatte, dass ich sie abnehmen konnte, von einer Gruppe mit 4 Schläfern. Es brauchte eine endlose Zeit: anschleichen, zupfen, die Stelle verlassen, wieder anschleichen, dasselbe Spiel wie vorher. Man musste immer auf der Hut sein, ja nicht auffallen. Meine Kameraden hatten keinen Erfolg. Ich holte in den folgenden Nächten noch eine Zeltbahn und einen Mantel.
Da waren einige unterwegs zum Organisieren. Oft hörte man es fluchen, rennen, schreien. Es war nicht ungefährlich. Wurde man geschnappt, gab es Prügel, nicht zu knapp. Einen dicken Luftwaffenmann knöpfte ich am hellen Tag einen prall gefüllten Brotbeutel vom Koppel. Es ist eine große Beute. Ein Stück Schinken, ein Stück Brot und dazu gehört natürlich ein Taschenmesser. Wir 3 haben es uns schmecken lassen. Ich wollte es nicht übertreiben und hörte mit den nächtlichen Streifzügen auf. Hatten doch meine beiden Kumpel rein gar nichts erbeutet.
Wir bauten unsere Mulde weiter aus, erhöhten den Damm und pflasterten den Boden mit leeren Dosen. Die Zeltbahn befestigten wir mit der breiten Seite auf den Damm und die übriggebliebene Spitze spießten wir auf einen Stock. So waren wir von der Seite und von oben geschützt. Die Decke kam über das Dosenpflaster und der Mantel war die Zudecke. Dicht aneinander gedrängt kam sogar ein bisschen Wärme auf. Jeden Tag, wenn wir unsere Hungerration bekamen, mussten wir alles abreißen und mitnehmen. Anschließend bauten wir es auf demselben Platz wieder auf. Meine beiden Mitbewohner kamen aus Nordhausen am Harz und aus Werl. Die Zeit vertrieben wir uns mit Kochrezepten. Besonders der aus Nordhausen wusste viele. Uns lief das Wasser im Munde zusammen. Nur wegen des Hungers, sonst wäre keiner auf die Idee gekommen.
Ich bemerkte eines Tages, dass Transporte vom Lager weggingen. Am 6.Mai raffte ich mich auf, fragte meine Kumpels, ob sie mitkommen würden. Sie wollten nicht. Ich war der Meinung, schlechter kann es gar nicht werden, nahm meine paar Sachen und ging zum Tor. Dort standen Sattelschlepper mit hohen Aufbauten bereit. 120 Mann mussten rauf, wir standen wie die Ölsardinen. Konnten nicht umfallen und auch nicht während der Fahrt runterfliegen. Die Fahrt dauert. Eine Orientierung ist nicht möglich. Die Planken sind zu hoch. Wir halten, die Heckklappe wird heruntergelassen, absteigen. Wir lagern auf einem parkähnlichen Gelände, unweit einer Eisenbahn. Es spricht sich herum, wir sind in Würzburg. Hier war ich doch um den 15.März herum durchgefahren. Wir haben den 7.Mai, werden verladen in Eisenbahnwaggons. Jeder bekommt eine Einmannration, und nun stehen wir in den offenen Waggons. Vor uns transportierte man Kohlen damit, jetzt drängeln sich 60 abgewrackte Lanzer darin. Die Fahrt will kein Ende nehmen. Mein Geburtstag, 8.Mai, geht vorüber. Langsam schwinden die Kräfte.
Am 9.Mai endlich hält der Zug. Die Türen werden entriegelt. Wir sollen aussteigen und vorher die Toten auf dem Bahnsteig ablegen. Es wird eine lange Reihe. Der Bahnsteig reicht gerade. Die kleine Station heißt Zotzenheim. Mir ist ganz flau. Der Marsch geht vorbei am Bahnhofsgebäude über die Gleise ins Feld. Wir sind anscheinend nicht die ersten. Links und rechts am Wege sieht man zusammengesunkene Gestalten. Die Zeit ist gekommen, wo der Tod unser ständiger Begleiter sein wird. Das Lager scheint sich noch im Aufbau zu befinden. Es muss riesig sein, ein Ende ist nicht zu sehen. Scheinbar ziellos wanken wir durchs Gelände. Hier werden wir desinfiziert, sehen aus wie die Mehlmänner, dort gefilzt. – Ich spüre Schläge auf meinen Wangen. Langsam kann ich wieder etwas klarer denken. Bin auf beiden Seiten untergehakt von 2 Panzermännern. Ich soll mich zusammenreißen, sagen beide, oder ob ich hier auch irgendwo enden wolle! Ich will nicht, schleppe mich bis zum bald erreichten Camp. Hier kann ich mich hinlegen und ausruhen. Meine Hoffnung auf ein besseres Lager ist am Boden zerstört. Hier herrscht militärische Ordnung. Es gibt wieder Regimenter, Bataillone, Kompanien, Züge und Gruppen, aber nichts zum Essen. Jede Kompanie soll eine Feuerstelle erhalten und mit einem Kessel nun selbst kochen können. So ist auch die Zuteilung schon. Am Tor des jeweiligen Camps wird eine bestimmte Menge Milchpulver, Eipulver, Zucker usw. angeliefert. Jetzt wird aufgeteilt. Die Bataillone bekommen die Menge zu gleichen Teilen. Die Bataillone teilen ihren Anteil wieder zu gleichen Teilen auf die Kompanien, die Kompanien auf die Züge, die Züge auf die Gruppen und die Gruppenführer verteilen an jeden einzelnen Mann was noch übriggeblieben ist. Es füllt nicht die Mulde in der hohlen Hand. Über 5 Verteilstationen, und überall blieb etwas hängen. Was macht man mit etwas Pulver in der Hand ohne Wasser? Vorsichtig mit der trockenen Zunge aufnehmen oder mit einem Atemzug aufsaugen!
Das Lager ist in einem Streuobstfeld errichtet. Es sind schon kleine Früchte an den Bäumen. Ich esse auch davon. Ruhrartiger Durchfall ist die Folge. Es kommt so plötzlich, dass ich den Latrinengraben nicht mehr erreiche. Die Unterhose ist hin, sie wandert auch in den Graben. Selber muss ich auch sehr aufpassen, nicht hinein zu fallen. Mich hätte wohl keiner herausgeholt.
Dreimal am Tag heißt es: Tote ans Tor. Es gibt viel zu tun für das Kommando. Haben sicherlich eine bessere Verpflegung. In Erwartung auf die Suppe, habe ich mir eine leere Dose organisiert und einen Holzlöffel geschnitzt. Das Taschenmesser habe ich bis jetzt durch jede Filzung gebracht. Nun wird es gebraucht. Wenn der Kessel kommen sollte, muss Feuerholz da sein. Den Obstbäumen geht es ans Leder. Erst die Zweige, dann die Rinde und zuletzt auch der Stamm. Das Messer hält diese Strapazen nicht aus. Es zerfällt in seine Einzelteile und es wird immer noch nicht gekocht. Aber dreimal am Tag heißt es: Die Toten zum Tor. Es gehen Parolen durchs Lager. Bestimmte Berufe werden gesucht. Es wird auch von Entlassungen erzählt. Ich muss hier raus, um am Leben zu bleiben.
Am 2.Juni gehe ich wieder einmal zum Tor. Aus unserem Camp sind es nicht allzu viele. Wir kommen in ein leeres Camp. Es füllt sich schnell. Wir stellen uns in Gruppen auf, es wird abgezählt. Wir trotten zum Bahnhof. Es sind geschlossene Waggons und jeder bekommt eine Einmannration. Wir haben mehr Platz und können uns auch hinsetzen. Bei dieser Aktion habe ich keinen Amerikaner gesehen, wurde nur von Deutschen gemanagt. Anfangs geht die Fahrt Richtung Osten, aber unsere aufkommende Hoffnung ist nicht realistisch. Wir halten bis zum Abend. Der Zug rangiert über mehrere Weichen und fährt dann nur noch Richtung Westen. Das verfluchte Lager Bad Kreuznach lag hinter uns. Wir hatten es überlebt.
Nach mehreren kurzen Stops ist am 5.Juni die Fahrt zu Ende. Der Zug hält auf freier Strecke am Rande einer größeren Stadt. Nach einem kurzen Marsch geht es auf einen militärischen Komplex hinter Mauern und Zäunen. Flache, massive Baracken stehen dicht an dicht in größerer Zahl darauf. Es wird eine alte französische Kaserne sein. Abzählung auf dem Appellplatz und Einweisung in die Baracken. Wir liegen auch hier auf der Erde. Die Verpflegung lässt uns auf bessere Zeiten hoffen. Es gibt morgens eine Milchsuppe, mittags 1/6 Weißbrot und Fleischsuppe und abends 1/6 Weißbrot und Milchsuppe. Wir werden einzeln von einem deutsch sprechenden Amerikaner verhört über Truppenteil, Einsätze, Zugehörigkeit zu NS-Organisationen und anschließend wieder gefilzt. Wir bekommen vorgedruckte Karten vom Roten Kreuz, die wir ausfüllen müssen und werden registriert mit Namen, Fingerabdrücken und Heimatanschrift. Jetzt können wir nicht mehr namenlos verloren gehen. Unser jetziger Standort ist Rennes in der Bretagne, ganz im Westen Frankreichs. Das Lager nennt sich Camp Gambetta, nach einem französischen Staatsmann (...).
Am 9.Juni werden wir in ein anderes Camp verlegt. Antreten auf dem Appellplatz mit freiem Oberkörper. Lagerführer und Kommandogeber sind Deutsche. Die Reihen werden geöffnet, Abstand 4 m und die Arme über den Kopf halten. Amerikaner schreiten die Reihen ab. Es werden Angehörige der Waffen-SS gesucht. Die haben die Blutgruppe unter dem Arm tätowiert. Es sollen viele auch versucht haben, die Tätowierung zu entfernen, durch Ausstechen oder Ausschneiden. Also werden auch solche mit Narben aussortiert und abgeführt.
Wir bleiben auf dem Platz bis die Männer das Lager verlassen haben. Anschließend werden wir durch eine Bilddokumentation über Verbrechen in den KZ-Lagern geführt. Wir sehen Berge von Toten und noch lebende Lagerinsassen, alles in großen Bildern. Schreckliche Ansichten, unsere Moral sinkt, aber ob wir so viel besser aussehen? Hoffentlich hat das keine Auswirkung auf unsere Verpflegung.
Am nächsten Tag auf dem Appellplatz werden die Jugendlichen unter 18 Jahre und die Alten über 50 Jahre aussortiert. Wir Jugendliche sind jetzt zusammen in einer Baracke untergebracht und liegen auf 3-stöckigen Holzpritschen. Haben Kompaniestärke. Unter uns sind auch ganz junge mit 15 Jahren. Erwachsene, Lehrer von Beruf, sind unsere Kompanie- und Zugführer. Sollen uns gleichzeitig Unterricht geben.
Heute am 11. Juni haben wir beim Essensempfang einen Schlag mehr von der Suppe bekommen. So kann es bleiben. Vielleicht kommen wir wieder zu Kräften.
Heute, einen Tag später, ist nichts mehr mit Doppelschlag beim Essenfassen. Die Kompanien wechseln sich in der Reihenfolge beim Essenfassen immer ab. Die Ausgeber können nicht so 100% kalkulieren, daher kann es sein, dass die letzte Kompanie etwas mehr bekommt.
13.Juni, habe morgens in der Milchsuppe viele Rosinen gefunden. Zählappell auf dem Appellplatz, kann lange dauern. Zieht sich oft bis zum Mittag hin. Um 11:00 Uhr sind die ersten dran zum Essenfassen. Dann ist Mittagsruhe. Ich habe Probleme beim Absteigen aus der 3. Etage. Wenn ich mich aufgerichtet habe zum Absteigen und mit beiden Füßen links und rechts auf den Seitenbrettern der 2. Etage stehe, wird es Nacht um mich und ich rausche bis unten durch, ohne dass ich hinfalle. Unten komme ich dann wieder zu mir. Es muss reichlich Krach machen. Wenn meine Nebenleute mich nicht so erschrocken ansehen würden, hätte ich selbst nichts davon bemerkt. Hab mir auch nicht weh getan.
Nachmittags ist Unterricht. Englisch und später Erläuterungen über die Oper. Um 17:00 Uhr gibt es Abendbrot. Anschließend wird noch eine Stunde aus einem Buch vorgelesen. Nachts ist es oft unruhig und laut. Viel Geschrei und Gerenne. Es wird immer wieder versucht, in die Küche oder in den Vorratsraum einzubrechen. Ohne Erfolg.
14.Juni, 6:30 Uhr, erste Verpflegung: 1/8 Brot und Milchkaffee. Mittags: 1/6 Brot, Käse und 1 Zwiebel, Milchkaffee. Abends: 1/6 Brot und Milchkaffee.
Die Verpflegung ändert sich jeden Tag, mal etwas mehr mal weniger. Der Tagesablauf für uns Jugendliche ändert sich nicht groß. Heute haben das Küchenpersonal von Lager I und Lager II Fußball gespielt. Wir durften zusehen. Dort die, die an der Quelle sitzen und vor Kraft nicht gehen können, und hier wir, die große Masse derer, die am Hungertuch nagen und froh sind, aufrecht gehen zu können. Es laufen viele Gerüchte um, so sollen einige Insassen sich erhängt haben. Ein starker Raucher, der regelmäßig Kaffeesatz getrocknet und geraucht hat – es gibt keinen Tabak - soll erblindet sein. Aus der ersten Belegung dieser Lager sollen alle Jugendlichen bis 18 Jahre entlassen worden sein. Wir hoffen auch. Die Zusammenfassung aller Jugendlicher in einer Kompanie weisen doch in diese Richtung.
18.Juni, Zählappell nach dem Abendessen, aber ohne unsere Jugendkompanie.
19.Juni, eine Gruppe Amerikaner und Franzosen gehen durchs Lager. Es wird gesagt, die Franzosen sollen das Lager übernehmen. Was wird aus uns?
20.Juni, die Verpflegung wird merklich besser. Es sind wohl Henkersmahlzeiten, die der Amerikaner uns gewährt. Die Übergabe an den Franzosen soll so gut wie sicher sein.
22.Juni, Verpflegung weiterhin gut. Angehörige anderer Nationalitäten sind heute aus dem Lager genommen worden. Zum Mittagessen gab es kein Brot. Begründung: Einem Offizier wurde nicht die nötige Ehrerbietung zuteil. Abends gab es dafür die doppelte Ration.
24.Juni, Amerikaner und Franzosen gestalten gemeinsam den Zählappell. Es dauert etwas länger, die Franzosen verzählen sich öfter.
25.Juni, der Franzose liefert die erste Verpflegung an. Verpflegung wie in den letzten Tagen, dicke Haferflockensuppe und Kaffee, 1/6 Brot, Apfel in Zitrone, ordentliche Portion, und Haschee, ¼ Weißbrot, süßen Tee.
26.Juni, noch einmal gute Verpflegung. Die letzten Russen verlassen das Lager auf Lastwagen. Die Amerikaner sind mit Teilen der deutschen Lagerführung abgezogen. Die amerikanische Flagge ist eingeholt. Eine Episode ist zu Ende.
27.Juni, die Trikolore weht am Fahnenmast. Erster Zählappell nur mit Franzosen. Es gibt Probleme. Einer vom Rest der deutschen Lagerführung muss helfend einspringen. Er geht mit durch die Reihen und hilft mit, die richtige Zahl zu finden. Es dauert beim ersten Mal eben etwas länger. Verpflegung noch gut von Resten der amerikanischen Bestände. Bunter Abend von Akteuren aus dem Lager gestaltet. War ganz gut.
28.Juni, 1/6 Schwarzbrot, Tee, eine tolle Suppe: Wasser mit Kartoffelschalen und Maiskörner drin, Tee, ¼ Ltr. Hirsebrei, 1/6 Brot, Tee. Der erste Verpflegungstag beim Franzosen.
29.Juni, 1/10 Brot, breit wie ein Finger, 5 Bissen und es ist weg, Tee, 1/6 Ltr. Suppe, 1/12 Brot, Tee, 1/10 Brot, Tee. Ich sehe schwarz. Hunger, Hunger.
30.Juni, 1/10 Brot, Tee. Wir liegen nur noch auf den Pritschen. Zurück zu den Anfängen, siehe Bad Kreuznach: ¼ Ltr. dünne Tomatensuppe, 1/10 Brot, Tee. Haben um 14:00 Uhr einen Nachschlag bekommen mit etwas Fleisch drin. 1/10 Brot mit etwas Schmalz und heißes Wasser als Tee. Das Brot ist dem deutschen Kommissbrot ähnlich.
4.Juli, 1/6 Brot, Milchkaffee, Briefvordruck erhalten und an zu Hause geschrieben. Hoffentlich kommt er an und die Eltern erhalten ein Lebenszeichen von mir. ½ Ltr. Erbsenmehlsuppe, Nachschlag erhalten, 1/6 Brot, Tee.
5.Juli, 1/10 Brot, Tee. Wir gehen mit einem größeren Wagen aus dem Lager auf Brennnesselsuche. Wieso der Wagen sich fortbewegt, weiß ich nicht. Wir hängen uns doch nur daran, um nicht umzufallen. Wir finden mit der Hilfe des Wachpostens auch Brennnesseln und der Wagen wird voll. Sind rechtzeitig wieder im Lager. ½ Ltr. Erbsenmehlsuppe, Nachschlag für unsere Mühe, 1/6 Brot, Tee.
6.Juli, 1/8 Brot, Tee, Wassersuppe mit Brennnesseleinlage, ½ Ltr. Tee, 1/6 Brot mit etwas Fett und Tee. Landwirte sollen sich melden. Bis zum nächsten Morgen ist immer eine lange Zeit. Abends, 17:00 Uhr, bis zum nächsten Essenfassen 6:30 Uhr morgens. Der Magen hängt dann in den Kniekehlen.
11.Juli, 1/8 Brot, Tee, ½ Ltr. Bohnensuppe, Tee, 1/8 Brot, Tee. Zwei Mann aus unserer Baracke haben in der Küche eines amerikanischen Soldatenheims eine Anstellung gefunden. Müssen aber nachts arbeiten. Können sich dumm und dämlich essen. Machen mit ihren Erzählungen die ganze Baracke verrückt. Mit den Essensresten könnte eine Kompanie satt gefüttert werden. Mitnehmen dürfen sie bei Androhung von Strafen nichts. Nur ihre Rationen hier im Lager verschenken sie.
12.Juli, keine Änderung in der Verpflegung. Bergleute, Maurer und Zimmerleute sind aufgerufen. Die Landwirte sind schon weg, sollen ins Elsaß gekommen sein. Es hat sich wieder einer aufgehängt. Die Hoffnung hatte ihn verlassen.
15.Juli, Parolen gehen wieder im Lager um. Sollen 1000 Arbeitsstunden in 4 Monaten ableisten. Dann soll es zurück nach Deutschland gehen, wo wir uns verpflichten sollen, bestimmte Arbeiten zu verrichten. In den letzten Tagen sind mehrere Zählappelle mit freiem Oberkörper durchgeführt worden. Auch der Franzose sucht SS-Leute, für die Fremdenlegion, heißt es. Mit entsprechendem Druck auf die Gefangenen kommt man schnell zu guten Soldaten. Was vorher war, zählt dann nicht mehr. Direkt neben unserem Lager ist ein Sammellager für Freiwillige der Fremdenlegion eingerichtet. Kein Wunder, dass viele sich allein wegen der schlechten Verpflegung melden. Vielleicht sparen die Franzosen so eine große Werbeaktion, denn offensichtlich leiden die Insassen keinen Hunger.
17.Juli, 1/8 Brot, Tee, eine Fuhre Brennnessel gesucht für die Küche. Das Korn wird auf den Feldern geerntet. ½ Ltr. Suppe mit Kartoffelschalen, 1/6 Brot, Tee. Spät um 20:00 Uhr ½ Ltr. Suppe nachgefasst.
18.Juli, 1/8 Brot, Tee, bin wieder durch die Pritschen gerauscht, die körperliche Schwäche wird größer. Ich muss mich langsam aufrichten. Ist in den letzten Tagen des öfteren passiert. ½ Ltr. Suppe, dünn, 1/6 Brot, Tee.
21.Juli, 1/8 Brot, Tee, ½ Ltr. Kartoffelsuppe mit Maiskörner und Brennnessel, 3 kleine Stücke Fleisch gefunden, 1/6 Brot, Tee. Brotstücke fallen sehr klein aus. In der letzten Nacht wurde Brot aus der Küche geklaut. Mussten den ganzen Vormittag auf dem Appellplatz ausharren. Die Baracken wurden durchsucht. Einige Zusammenbrüche auf dem Platz.
31.Juli, 1/8 Brot, Tee, ½ Ltr. Bohnensuppe, ½ Ltr. nachgefasst, 1/6 Brot mit etwas Butter, Tee, Minenräumer werden gesucht, ist eine verlustreiche Arbeit. Bergleute aus den abgetrennten Gebieten wie Saar, Westpreußen (Polen) und Österreich abgefahren. Ich bin 6 Tage zum Stubendienst eingeteilt, geht reihum durch die ganze Baracke.
10.August, 1/6 Brot, Brühe. Ich bin zum Speiseraumdienst eingeteilt (Essenausgabe), ist mit einem Nachschlag an Suppe verbunden und wird nur von der Jugendkompanie ausgeführt. Zweimal ½ Ltr. Nudeln mit Fleisch, Kohl, Bohnen, 1/6 Brot, süßer Tee.
11.August, 1/6 Brot, Tee, ½ Ltr. Suppe, Bohnen, Möhren, Erbsen, Fleisch, Zwiebeln. Ein Zwischenfall beim Mittagessen. Einer von den zwei Nachtarbeitern hat mit dem Löffel aus Übermut den anderen mit Suppe beworfen. Es kam zu einem Tumult. Die ganze Baracke war in Aufruhr. Unsere Lehrer verhinderten das Schlimmste. Es wurde ein Strafgericht abgehalten. Man einigte sich auf 20 Schläge auf das nackte Hinterteil und die Nachtarbeiter mussten ihre Lagerrationen von nun an gleichmäßig auf die ganze Baracke verteilen. Der Delinquent hat die Strafe auch lebend überstanden. Heute sind die Westpreußen (Polen) weggekommen. Das sind doch alles naturalisierte Deutsche gewesen. Ob ihre Angehörigen noch in Polen sind?
18.August, aus dem Lager I sind 500 Mann und aus dem Lager II 1000 Mann in andere Lager verlegt worden, also weg aus Rennes.
19.August, 1/6 Brot, Brühe, 1 Ltr. Graupensuppe, Möhren und Fleisch, ½ Ltr. Grießmehlsuppe, 1/8 Brot, Tee. Heute kamen Rot-Kreuz-Bestände aus deutschen Depots zur Verteilung. 15 Zigaretten, ½ Päckchen Tabak, Süßigkeiten und Kekse. Eine Riesenfreude. Die Sachen sind aus dem Jahr 1944. Wurden untersucht (Sichtkontrolle).
20.August, 13 Kekse, Marmelade, Apfelmus, süße Haferflockensuppe, 1/6 Brot, Tee, ½ Ltr. Gemüsesuppe, ¼ Ltr. Erbsensuppe, 1/6 Brot, Tee. Dreimal Suppe am Tag und noch dazu dick. Es war ein Festtag für uns, den ich nicht so schnell vergessen werde.
22.August, 1/6 Brot, Tee, die Rote-Kreuz-Lieferung ist aufgebraucht. Es soll aber allgemein die Verpflegung etwas besser werden. ½ Ltr. Kartoffel-Graupensuppe mit Tomaten und Zwiebeln. 1/6 Brot, ½ Ltr. süße Grießsuppe, Tee, Zitronenpulver.
2.September, bin jetzt 134 Tage oder 19 Wochen in Gefangenschaft, habe mich vom prisoner of war zum prisonnier de guerre gewandelt, aber immer noch keine Nachricht von zu Hause. Habe meine Rauchwaren gegen einen guten Mantel eingetauscht. Wird mir später sicherlich noch nützlich sein. Die Kranken sind heute weggekommen. Ich habe einem meine Heimatadresse mitgegeben, er heißt Hans Reuter, Obersuhl (Hessen), Ziegelei. Vielleicht gibt er an zu Hause eine Nachricht von mir.
5.September, 1/6 Brot, Tee, Sonderration vom Roten Kreuz, 7 1/5 Scheiben Dauerbrot mit etwas Käse und Nürnberger Lebkuchen erhalten. 1 ¼ Ltr. Kartoffel- Nudelsuppe, 1/8 Brot, Tee, Pellkartoffel, Tomatenmischsalat.
12.September, gestern ist Lager III aufgelöst worden und ca. 900 Mann sind zu uns gekommen. Der Lagerkommandant ist ausgetauscht. Der Neue soll sehr streng sein, mag die Deutschen noch weniger. Beim ersten Zählappell fehlten 15 Mann. Die Personalstärke jeder einzelnen Baracke wurde neu aufgenommen. Ob sich die 15 wieder eingefunden haben?
23.September, Lager III soll mit Internierten aus Norwegen belegt werden, die nicht in die von Russen besetzte Zone entlassen werden können oder sollen. Die Alliierten sind sich nicht mehr grün untereinander.
4.Oktober, 50 Kekse, 2 Schlag süße Nudelsuppe und süßen Kaffee. Mit 100 Mann ins Außenlager St. Servan bei St. Malo verlegt. Von hier sollen wir auf Arbeitskommandos kommen. 1/3 Brot, Haschee, Mais, Käse.
7.Oktober, nur Kaffee, ½ Ltr. dünne Suppe mit Blumenkohl, ½ Ltr. Suppe wie zum Mittag, 1/5 Brot. Die Verpflegung hat sich verschlechtert. Abends empfangen wir das Brot für den nächsten Tag mit. Werden auf eine harte Probe gestellt.
10.Oktober, ohne Brot, gestern schon aufgegessen, ½ Ltr. dünne Kohlsuppe, wenn wir nicht bald rauskommen, gehen wir vor die Hunde. Was ein paar Tage schlechtes Essen ausmachen können. ½ Ltr. Wasser, kann man sagen, 1/5 Brot.
11.Oktober, habe 2/5 Brot gegen Seife eingetauscht, ½ Ltr. dünne Grieß- und Nudelsuppe, ½ Ltr. dünne Suppe, 1/5 Brot. Wir sind aufgerufen, alle Decken abzugeben. Wer dem Folge leisten würde, käme schneller auf Kommando. Ich habe keine Decke abgegeben. Werde auch so raus kommen, ohne es später vielleicht zu bereuen.
12.Oktober, ich bin mit noch zwei Mann auf Kommando raus. Bäume fällen und aufarbeiten zum Abfahren. Das Essen ist gut, 3 x am Tag dicke Suppe, 3 x Weißbrot und zu jeder Mahlzeit Apfelwein (Cidre). Wir haben die Gruppe wieder aufgefüllt, sind jetzt 12 Mann. Die Kameraden sind anständig und die Menschen, mit denen wir zu tun haben, sind freundlich. Der Ort heißt Roz-Landrieux und liegt am Rande eines Nassgebietes, das längere Zeit unter Wasser stand. Die Deutschen hatten einen Kanal gebaut, um Meerwasser hier her zu leiten. Alle Bäume sind daher abgestorben.
14.Oktober, heute ist Sonntag und es wird nicht gearbeitet. 176 Tage in Gefangenschaft. Äpfel gegessen, fette Fleischbrühe mit dick Weißbrot drin und 1/6 Weißbrot mit Wurst als Frühstück, Schmorkartoffeln mit gebratener Leber, Soße und 1/7 Weißbrot zum Mittag, fette Fleischbrühe mit dick Weißbrot drin zum Abend. 3 x am Tag für 3 Mann eine Flasche Apfelwein (Cidre). Die Arbeit strengt ganz schön an, ob wir wieder zu Kräften kommen? Sind doch richtige Hungerleider.
15.Oktober, den ganzen Tag gesägt, dicke Stämme im Gestrüpp und im Schilf auf 2 m und 2,60 m Länge. Zu einer Zweimannsäge gehören 3 Mann, einer kann sich immer etwas ausruhen, wenn er den Stamm festhält.
17.Oktober, gesägt wie an den Tagen vorher. Habe Muskelkater. Wagen beladen mit dicken Stämmen von Hand. Langsam kommen die Kräfte zurück. Kann ein lang aufgeschossener, abgemagerter Siebzehnjähriger überhaupt Kräfte haben? Verpflegung weiter sehr gut.
19.Oktober, vormittags gesägt, nachmittags die Stämme an die Straße getragen mit bis zu 10 Mann bei besonders schweren Bäumen. Mein Rücken hat arg gelitten.
21.Oktober, Sonntag. Es hat die ganze Nacht geregnet. Sollte es länger anhalten, können wir unsere Arbeit nicht fortführen, denn unsere Arbeitsstelle steht jetzt schon unter Wasser.
22.Oktober, die Sonne scheint wieder wie an allen anderen Tagen, gestern ausgenommen. Es gibt hier viele Obstbäume. Wir bedienen uns selbst und essen viele Äpfel. Dürfte nicht groß auffallen, wenn die Einwohner ihren Cidre brauen.
23.Oktober, haben jetzt ein Pferd zum Rausschleppen der Bäume. Die Quälerei hat ein Ende.
24. Oktober, hat wieder die ganze Nacht geregnet. Sind bis zum Frühstück in unserer Hütte geblieben. Sturm und Regen. Bis zum Mittag gesägt. Nachmittags sind wir, die 6 Jüngsten ins Lager St. Servan zurück gebracht worden. Unser Patron hat sich 6 stärkere Männer ausgesucht.
25.Oktober, das Lager hat uns wieder. Nach 12 Tagen gutem Essen ist Lagerkost angesagt. Für 10 Mann 1 Brot, 4 Scheiben Dauerbrot, 2 x Suppe.
26.Oktober, bin wieder in der Jugendkompanie, sollen jeden 5. Tag einen Nachschlag erhalten. ½ Ltr. Suppe, ½ Ltr. Suppe, 1/5 Brot. Schreibstube hat versprochen, uns bald wieder rauszuschicken. Sonst spielen wir Skat. Draußen geht ein steifer Wind. Die Wellen in der Bucht von St. Malo, wir können einen kleinen Teil einsehen, haben weiße Kronen.
29.Oktober, Papa hat Geburtstag, ich wünsche ihm alles Gute und beste Gesundheit. Kein Brot, ½ Ltr. Kohlsuppe, ½ Ltr. Kohlsuppe, 1/5 Brot. Das Brot ist für den nächsten Morgen gedacht, aber die wenigsten haben dann noch was.
30.Oktober, ich und noch 4 vom Holzkommando sind wieder rausgekommen nach Dol. Ist eine Kleinstadt und nur 6 km vom alten Standort entfernt. Das Kommando ist 30 Mann stark und in einer halbfertigen Baracke mitten in der Stadt untergebracht. Wir versorgen uns selbst. Haben eine Feldküche in der das angelieferte Material zubereitet wird. Ein ehemaliger Fallschirmjäger mimt den Koch.
31.Oktober, erster Arbeitstag. Werden von einem untersetzten, stämmigen Franzosen, der sichtbar eine Pistole trägt, abgeholt. Es heißt, er soll im KZ Buchenwald gewesen sein. Entsprechend ist sein Auftreten. Er schreit den ganzen Tag: Arbeit, Arbeit, wenn er nicht gerade schläft.
1.November, ein Feiertag, nicht gearbeitet. Wir liegen auf Stroh, das auf der Erde ausgebreitet und durch Bretter begrenzt wird. In der Mitte ein provisorischer Tisch mit zwei Bänken. Die Feldküche steht draußen unter einem offenen Anbau hinter einem Vorhang. Hier hat sich unser Koch so gut es geht eingerichtet. Normalerweise bekommen wir morgens eine Suppe und etwas Brot. Mittags bleiben wir ohne Verpflegung draußen. Abends wieder eine Suppe. Heute gab es zum Mittag Kartoffelbrei mit Gulasch und Gurkensalat. Wie es heißt, waren die Kartoffeln geklaut. Es ist ein bunt gemischter Haufen, mehrere Rheinländer aus dem Siegerland, mehrere Berliner und sonst aus allen Ecken und Enden des „Großdeutschen Reiches“ oder was von ihm noch übrig geblieben ist. Die Baracke ist von Stacheldraht umgeben, ohne besondere Bewachung. Nur der Wachmann „Buchenwald“, der uns zur Arbeit begleitet, hat einen Schlüssel für das Tor.
2.November, der Wachmann ist früh da. Es ist fast noch dunkel. In Marschordnung antreten, die starken Raucher in der ersten Reihe.
Die Straßen in der Stadt aus Kopfsteinpflaster sind noch wenig belebt. Wir, mit unseren Elbkähnen an den Füßen, machen ganz schön Krach. Die Schallwellen werden von den Hauswänden immer wieder zurück geworfen. Hier und da geht ein Fenster auf und unser Wachmann wird begrüßt, meistens sind es Frauen. Unser Zug windet sich wie eine Schlange durch die Straßen. Alles, was nach Rauchbarem aussieht, wird angesteuert. Es ist ein langer Weg bis zu den Gräben in der nassen Ebene da draußen. Wir sollen die vielen Abflussgräben mehrere Meter breit von Schlamm und Schilf befreien. Umgebogene Steinforken an langen Stielen sind unsere Arbeitsgeräte. Nicht selten holen wir Aale mit dem Schlamm heraus. Ab einer Länge von ca. 25 cm werden sie eingesammelt und abends gegrillt. Unser Wachmann verschläft fast den ganzen Tag. Wenn er mal wach wird, kommt automatisch:“He là bas, travailler un peu“. Ein Gespräch kommt nicht zustande.
Der Rückweg läuft ebenso ab. Einige Franzosen treiben ein schlechtes Spiel mit unseren Rauchern. Sie werfen absichtlich eine angerauchte Zigarette in einem kleinen Abstand auf die Straße, um dann darauf zu treten, wenn einer von uns sich anschickt, sie aufzunehmen. Wie kann man sich nur so erniedrigen, ich schäme mich.
8.November, es ist nasskalt, gut, dass ich den Mantel erworben habe. Es gibt einige Kameraden, die keinen haben, die behelfen sich, indem sie sich in Papier einwickeln und das zerschlissene Hemd darüber ziehen. So wird mindestens der Wind abgehalten. In der Baracke wird nicht geheizt, wegen des Strohs. Ein Ofen ist erst gar nicht aufgestellt worden. Ein bisschen Wärme gibt die Feldküche durch ein Loch in der Wand ab. Ich habe mich erkältet. Meine Schuhe werden auch schon bald den Dienst aufgeben. Keine Pflegemittel, habe sie auch schon so gut ich kann repariert.
Die Verpflegung in der Woche ist immer gleich: morgens Suppe, mittags nichts und abends Suppe und Brot. Das Brot soll für den nächsten Tag sein, wird aber gleich aufgegessen.
11.November, Sonntag. In der vergangenen Nacht sind wieder einige zum Organisieren unterwegs gewesen. Hatten Kartoffeln, Kohl, Möhren und Sellerie, sind aber geschnappt worden und haben Prügel bezogen. Es gab aber trotzdem Kartoffelbrei mit Gulasch zum Mittag.
14. November, in der Nacht wieder Kartoffeln organisiert. Es bleibt uns keine andere Wahl, wir müssen was in der Suppe haben.
17.November, die Polizei war im Lager und hat alles durchsucht. Gefunden hat sie eigentlich nichts. Unser Koch konnte immer sagen, gehört zur Verpflegung. Wollten mit dem Gummiknüppel aus uns was raus holen. Haben brutal drauf los geschlagen, auch auf ältere Kameraden. Hab mich krank gemeldet.
18.November, Sonntag. Kartoffelbrei mit Gulasch und roter Rübensalat, hat gut geschmeckt und bin wieder satt geworden. Der Koch hat gelegentlich Kontakt mit der Bevölkerung und handelt mit Sachen, die er von uns anbietet. Ich hab ihm auch etwas anvertraut, habe als Gegenwert 5 Weißbrote à 4 Pfund erhalten. Er besorgt die Brote nacheinander und ich rufe sie in Portionen, wie ich Hunger habe, ab.
20.November, heute sind 5 Mann ins Lager St. Servan zurück. Die 5 Neuen haben für unser Kommando Schokolade, Kekse, Tabak und Zucker mitgebracht. Mit den Männern ist nicht viel los. Kommen hier schon abgerissen an. Einer ist aus Hamburg, Eugen aus Billstedt, ein lebender Toter. Ich habe jetzt jeden Tag zusätzlich ein Stück Brot für mittags und für die Suppe.
25.November, Sonntag. Heute ist Entlausung angesagt. Auf dem Hof ist ein Feuer unter einem Kessel mit Deckel angezündet. Im Kessel ein Rost, darunter Wasser, darüber die Kleider. Eugen ist von unten bis oben mit verschorften Wunden übersät und unzähligen großen und kleinen Läusen behaftet. Er muss sich ganz ausziehen und waschen unter Aufsicht, seine Kleider kommen in den Kessel. Bei nächster Gelegenheit geht er zurück ins Lager. Er ist moralisch ganz am Ende, ihm ist alles egal. Seine Frau hat ihn verlassen und er hat kein Zuhause mehr. Ich habe den ersten Briefvordruck erhalten und nach Hause geschrieben. Wann bekomme ich Antwort? Sollen jetzt jeden Monat einen Brief schreiben dürfen, aber nur in die Westzonen.
29.November, 7 Mann ins Lager zurück. Die Neuen haben für jeden eine 2.Decke mitgebracht. Sollen jetzt monatlich 80g Tabak erhalten. Für mich Ware zum Umtauschen.
5.Dezember, 75g Tabak und 20 Zigaretten erhalten, werde ich verkaufen. Kaltes und nasses Wetter. Wegen Regen 2 Stunden beim Bauern untergestellt. Konnten Kartoffeln einstecken für unser Sonntagsessen.
8. Dezember, immer noch nasskaltes Wetter, den ganzen Tag gefroren, abends Schüttelfrost und Fieber, wenig geschlafen.
9.Dezember, Sonntag, 2.Advent, Kartoffelbrei mit Gulasch. Den ganzen Tag gelegen, Fieber.
10.Dezember, krank, in der Baracke geblieben. Morgen geht es zum Arzt.
11.Dezember, 4 Tage krank geschrieben.
15.Dezember, wieder in den Gräben gearbeitet. Im Lager mehr gearbeitet als hier draußen. Der Koch hat schon dafür gesorgt.
16.Dezember, Sonntag, 3.Advent. Kartoffelbrei mit Gulasch. Nudelsuppe.
23.Dezember, 4.Advent, die vergangenen Tage waren nass und kalt und stürmisch. Abends mit nassen Sachen rein und morgens wieder mit nassen Kleidern raus. Unser Standardessen am Sonntag: Kartoffelbrei mit Gulasch.
24.Dezember, Heiligabend nicht gearbeitet. Klöße mit gebratener Leber und Blumenkohlgemüse, Pudding. Es dreht sich bei uns alles ums Essen. Heute gehen die Gedanken konzentrierter in die Heimat. Wie geht es den Eltern und Geschwistern? Ob von mir Nachricht angekommen ist? Ich hoffe es!
25.Dezember, 1.Weihnachtstag, morgens süße Mehlsuppe, mittags Salzkartoffeln mit Gulasch, abends werden die Reste vom Mittagessen kalt aufgegessen.
26.Dezember, 2.Weihnachtsfeiertag, gearbeitet, nasskaltes Wetter, auch die nächsten Tage.
30.Dezember, Sonntag. Salzkartoffeln mit Gulasch und Möhrengemüse.
31.Dezember, Silvester. Nicht gearbeitet. Klöße, Gulasch und Blumenkohlgemüse. Habe meine Hose geflickt. Die Klamotten lösen sich langsam auf. Jeden Tag und fast jede Nacht am Leib gehabt – ohne Pflege, muss ja Spuren hinterlassen. Mein einziges Hemd habe ich 2- oder 3-mal gewaschen.
1.Januar 1946, der 3.Tag ohne Arbeit und immer satt geworden. Der Koch hat sicher auf diese Tage hingespart. Süße Suppe, Weißbrot, Klöße und Gulasch. Die nächsten Tage wird wohl Schmalhans Küchenmeister sein.
6.Januar, in der vergangenen Woche Wetterumschwung. Es ist kalt, Temperatur unter 0°C gesunken. Es bildet sich Eis auf dem Wasser. An einem Tag trockenes Gras und Risch verbrannt, sonst gefroren. Unser Buchenwald macht sich jeden Tag ein Feuer und bleibt dort den ganzen Tag und unterhält uns mit seinen Zurufen. Brief nach Hause geschrieben. Wann kommt Antwort? Brotsuppe, Salzkartoffeln mit Kohlrouladen, Gemüsesuppe. Unser Koch gibt sich richtig Mühe.
13.Januar, in der vergangenen Woche hat es wieder gefroren, mit Schaufel und Hacke gearbeitet. Waren nicht so dicht am Wasser. Rote-Kreuz-Waren und Tabak erhalten. Kartoffelbrei mit Fleischsoße, Suppe. Der Koch hat sich verausgabt. In der Woche ist das Essen immer trostlos.
20.Januar, Sonntag. Am 15. Briefvordruck nach Hause geschrieben. Durchgehend kaltes Wetter in der Woche, immer unter 0°C. Mit Hacke und Schaufel Gräben ausgeworfen. Fleischbrühe mit Weißbrot, Kartoffelbrei mit Fettgrieben und gebratene Leber, Suppe.
2.Februar. Gestern ersten Brief von zu Hause erhalten. Haben das Kriegsende alle gut überstanden und sind gesund. Am 17.März bin ich von dort abgefahren, 4 Wochen später war der Engländer da. Keine größeren Kampfhandlungen gewesen. Die umliegenden Dörfer haben keinen Schaden genommen, sind aber voller Flüchtlinge. Ich hab mich riesig über die Nachricht gefreut und doch tat es mir weh. Erich, Jahrgang 27, und Helmut, Jahrgang 26, sind gleich nach der Kapitulation nach Hause gekommen und ich, Jahrgang 28, sitze hier. Diese Mitteilung hätten sie sich für einen späteren Brief aufbewahren sollen. Haben Schlafsäcke erhalten, jetzt wo der Winter hier fast vorbei ist.
7.Februar, unser Kommando wird ohne „Buchenwald“ verlegt, 15 km nach La Poultière.
Der neue Standort liegt dicht hinter der Küste von der Bucht Mont Saint Michel. Die Unterkunft ist ein kleines Steingebäude mit einer Empore, hätten auch sonst nicht ausreichend Platz. Liegen wieder auf Stroh, auf dem Boden. Natürlich ist das Gebäude von Stacheldraht umgeben. Nachts hören wir die Brandung, es ist ein ewiges Rauschen, gut zum Einschlafen. Unser Stall steht direkt an der Straße St. Malo-Pontorson, vor uns die Ebene zum Meer hin und hinter uns gleich ein Hang. In der Ebene liegen weit verstreut einzelne Bauernhöfe, unsere neue Wirkungsstätte. Verpflegungsmäßig haben wir uns verschlechtert, bei gleicher Zuteilungsmenge. Alle Möglichkeiten zur Aufbesserung sind weggebrochen. Der Umtausch von Tabak entfällt auch, keine Abnehmer. Unser Patron lehnt eine Aufstockung strikt ab. Bietet uns nur eine Änderung des Warenkorbs an, er will nicht mehr Geld ausgeben. Die einzige Möglichkeit ist, für Kartoffeln Steckrüben zu nehmen. Wir wollen es versuchen. Die Suppen sind zwar dicker, haben aber einen strengen Geschmack.
Was ist am Sonntag - Kartoffelbrei entfällt, dafür dick Steckrüben ohne Geschmacksverbesserer wie Fett. Der Zufall kommt uns zur Hilfe. Eines Mittags hat der Wachmann bei einem Bauern in der Nähe unserer Arbeitsstelle für jeden eine größere Pellkartoffel losgeeist. Auch am nächsten Tag gab es eine. Dann waren wir zu weit weg. Die Lagerstätte war bekannt und der Weg auch. Freiwillige unternahmen in der Nacht einen ersten Versuch und brachten gleich mehrere handliche Säcke mit Kartoffeln. Eine Quelle hatte sich aufgetan. Für Sonntag hat der Wachmann einen Haarschneider angesagt. Wir haben schon eine Wolle auf dem Kopf, gleichen bald Rübezahl im Aussehen. Schon am frühen Morgen sind sie da: der Wachmann, der Bürgermeister (le maire), der Friseur und im Gefolge Frauen und Kinder. Keiner will den Anfang machen, wir ahnen Böses. Der Mann hatte wohl seine Kinder zu versorgen und wollte sich ein paar Francs hinzu verdienen. Unter dem Gejohle der Frauen und Kinder waren wir unsere Haare losgeworden. Ich hatte ihm 2 Zigaretten gegeben, damit er sich etwas mehr Mühe geben sollte. Der Bürgermeister gab uns durch Gebärden zu verstehen, dass wir unseren Riemen enger schnallen sollten. Er selber war rund wie eine Tonne.
Einmal hatten wir noch Kartoffeln geholt, dann war es dem Bauern wohl aufgefallen und er legte sich auf die Lauer. Beim nächsten Beutezug in einer hellen Mondnacht wurde er rechtzeitig ausgemacht und unsere Leute kamen ohne Beute zurück. Verraten hatte ihn das Blinken des Gewehrlaufs. Glückliche Umstände hatten Schlimmeres verhütet.
Wir konnten die Steckrüben bald nicht mehr sehen und sind wieder auf Kartoffeln umgestiegen. Unseren Koch mussten wir 36 Stunden entbehren. Ihn hatte eine junge Frau von der Straße aus angesprochen und zu sich eingeladen. Tag und Nacht waren abgesprochen, er wollte unbedingt die Einladung annehmen. In der Dunkelheit wurde er mit dem Fahrrad abgeholt und verbrachte zwei Nächte und einen Tag nur im Bett. Ob er gehalten hat, was sich die Frau davon versprochen hatte? Er kam immerhin wohlbehalten bei uns wieder an. Es blieb auch nur bei diesem einen Mal.
Post erhalte ich nun regelmäßig. Jeder Brief oder jede Karte, von mir geschrieben, hat einen Antwortvordruck, so bestimme ich meine Post selbst. Zu meiner großen Überraschung habe ich heute ein Päckchen erhalten. Inhalt: Kuchen und Zwieback, leider ungenießbar. War zu lange unterwegs, weil es sich den Weg erst suchen musste. Für Kriegsgefangene sind Päckchen nicht vorgesehen. Meine Mutter hat es ganz normal freigemacht und abgeschickt. (Es sollten mich noch viele auf diesem Weg erreichen).
Habe für Tabak einen Hosenzuschnitt eingetauscht, aus einer fein gewebten Decke, mit Zwirn und Nadeln, muss nur noch zusammen genäht werden. Ich werde es anfangen und auch zu Ende führen.
Habe eine kleine Auseinandersetzung mit einem Berliner gehabt, konnte sein Gehabe nicht mehr ab. Es endete in einem Ringkampf, bis wir getrennt wurden.
Unsere Arbeitsstelle verlagerte sich laufend, folglich änderten sich auch unsere Anmarschwege. An einem lag ein Anwesen mit vollen Kaninchenställen, es wurde registriert ohne Hintergedanken. Als mal wieder unsere Verpflegung zur Debatte stand, erinnerte uns einer an die Kaninchen. Wir sollten uns die doch zunutze machen und unsere Verpflegung etwas aufbessern. Ein Plan wurde gemacht und auch ausgeführt. In der Nacht von Sonnabend zum Sonntag stiegen 3 Mann durch den Stacheldrahtzaun und holten alle Kaninchen. Die Feldküche war angeheizt. Schlachten, Säubern, Kochen und Braten ging reibungslos. Jeder bekam sein Stück und aß es mit Appetit auf. Anschließend wurden alle Reste und Abfälle eingesammelt und aus dem Lager geschafft. In einem fließendem Bach vergraben, nichts sollte uns verraten. Feldküche geputzt, Räume gelüftet, nichts deutete mehr auf unser nächtliches Gelage.
Am Sonntagmorgen sehr früh weckte uns der Lärm einer Menschenansammlung und Hundegebell aus unserem Verdauungsschlaf. Im Nu waren sie in unserem Schlafraum, scheuchten uns hoch und begannen alles zu durchsuchen. Polizisten und Zivilisten machten eine Unordnung und immer wieder die Worte: „Tous lapins partis“. Sie waren in der festen Überzeugung gekommen, hier die verlorenen Kaninchen in irgendeiner Form wiederzufinden. Nachdem sie alles auf den Kopf gestellt hatten, auch die Feldküche und den Vorhof, zogen sie wieder ab. Tage später hat sich der Geschädigte noch bei unserem Koch entschuldigt.
Am 21.April 1946 wurden wir wieder verlegt. Es war auch Zeit und gut für beide Seiten. Irgendwann wären wir doch aufgelaufen und dann? Was hätte alles passieren können? Die französische Polizei ist nicht wählerisch mit ihren Mitteln. Wir sind in St. Guinoux bei Châteauneuf in einem ehemaligen Lager der Organisation Todt untergebracht. War eine reine Arbeitstruppe, ähnlich dem RAD und hat den Kanal von der Küste bis hier in die Niederung gebaut. Ohne diesen Kanal wäre hier alles trocken geblieben. Gehörte mit zur Verteidigungsstrategie des Atlantikwalls.
Mit unserer neuen Unterkunft hatten wir das große Los gezogen. Große Fenster, Holzfußboden und sogar Bettgestelle standen darin. Ein aufgeschlossener junger Mann als Einsatzleiter und Wachmann rundete das positive Bild unseres neuen Standortes ab. In einer Übereinkunft mit dem Wachmann konnten jeden Tag 5 Mann abwechselnd im Lager bleiben. So hatte jeder einen freien Tag in der Woche. Jeder konnte ihn nutzen wie er wollte.
Wie viele andere hatte ich mir Arbeit bei einem Bauern gesucht wegen der zusätzlichen Verpflegung. Leider war seine Frau im Krankenhaus und es gab nur kalte Verpflegung. Der Bauer, Monsieur Maltouch, war meistens abwesend. Ich war dann mit dem Sohn Sassan zusammen, der sich dann noch um zwei jüngere Geschwister kümmern musste.
Post bekomme ich jetzt regelmäßig, auch Päckchen fast jede Woche. Werde ganz neu eingekleidet, Hemden, Unterwäsche, Hose, Strümpfe und Schuhe, alles fand den Weg zu mir und das in dieser chaotischen Zeit, wo es doch in Deutschland nichts gibt. Bis auf 2 in der Anfangszeit sind alle Päckchen bei mir angekommen, auch Privatbriefe, also keine offiziellen Formdrucke der Kriegsgefangenenpost, kommen an. Jetzt kann man sich auch ordentlich waschen, es ist Wasser da.
Meine Hose habe ich fertiggestellt, ist ganz gut gelungen. Mit Ausdauer und Geduld schafft man auch solche Arbeit, und sie passt.
Die Tage werden wärmer und die Arbeit fällt einem nicht so schwer. Der Wachmann ist aufgeschlossen und für jeden Streich zu haben. Heute wurde ganz in der Nähe unserer Arbeitsstelle Calvados (Apfelschnaps) gebrannt. Der Wachhabende animierte uns zum Trinken und einige ließen sich auch überreden, trotz des leeren Magens. Einen Bayern mussten wir dann auf dem Fahrrad des Wachmanns ins Lager schieben. Er war steif wie ein Brett, hat es aber gut überstanden.
Das Lager wird nicht verschlossen und so können wir uns frei bewegen. Sonntags geht’s bei schönem Wetter zum Baden im Kanal, der kurz vor dem Dorf endet. Es ist eine schöne Abwechslung in unserem sonst eintönigen Leben.
Kommenden Sonntag soll eine Betreuungsgruppe mit einem Unterhaltungsprogramm aus dem Lager St. Servan kommen. Unsere Verpflegung hat sich nicht verändert. Sonntags wie immer morgens Brühe mit unserem selbsterstandenen Weißbrot, mittags Kartoffelbrei mit Gulasch und Gemüse oder Salat und abends eine süße Suppe. Wochentags regiert dann wieder Schmalhans mit Eigenverpflegung. Ich bekomme von meinem Bauern wegen der nicht zu üppigen Verköstigung, seine Frau liegt immer noch im Krankenhaus, Geldzuwendungen. Hin und wieder kaufe ich mir Brot davon.
Sonntag hatten wir den angekündigten bunten Nachmittag. Unsere Unterkunft wurde zum Zuschauerraum mit einer provisorischen Bühne hergerichtet. Das halbe Dorf war auch da. In einem kleineren Teil der Baracke haben die Gefangenen aus dem Dorf ihre Gemeinschaftsunterkunft, natürlich haben sie ihre Arbeitgeber mit Familien eingeladen. Musik mit Schifferklavier und Schlagzeug, über singende Säge mit Hypnotiseur und gespielten Sketchen mit Mitwirkenden in Frauenkleidern, gab es einiges zu hören und zu sehen. Ihre "Opfer" holten sie sich natürlich aus den Zuschauerreihen. Alles in allem war es eine gelungene Veranstaltung.
Die Erntezeit war gekommen. Das Korn (Weizen) wurde unter freiem Himmel gebanst und alsbald von einem Lohnunternehmer mit Nachbarschaftshilfe abgedroschen. Ich wurde eingeladen und bei der Strohabnahme eingeteilt. Das Stroh wird mit Forken zu einem in die Erde gegrabenen Baumstamm getragen und dort von einem erfahrenen Mann um den Stamm in ca. 4-5 m Durchmesser aufgeschichtet. Bis zu einer gewissen Höhe geht es gut, aber dann muss eine Zwischenstation eingerichtet werden. Ich wurde mehr oder weniger dazu gedrängt und ließ mich in meiner Ahnungslosigkeit darauf ein. Ich musste nun jede Forke annehmen und weiterreichen. Anfangs waren die Anreichungen noch moderat, aber bald wollten sie mich zur Aufgabe zwingen und luden immer mehr auf ihre Forken auf. Ich tat ihnen aber nicht den Gefallen und hielt bis zum Schluss durch. Die Strohfimme ist ca. 7 m hoch und hat die Form eines Kegels, um das Regenwasser abzuleiten. Der Baum gibt der Fimme den nötigen Halt. Ich fühlte mich nach dieser Strapaze ausgenutzt und auch schlecht entlohnt. Ich hielt mich einige Zeit fern und blieb im Lager. Später erhielt ich noch einige Francs.
Am 30.November 1946 wird das Kommando aufgelöst. Es geht zurück ins Lager St. Servan. Bei der Einlieferung ins Lager werden wir gefilzt. Ich werde mein Gespartes los – 200 Francs. Hatte es in der Jacke eingenäht. Bin jetzt mein Geld los und habe eine zerrissene Jacke. Unser Kommando ist auseinander gerissen, weil wir in mehreren Räumen untergebracht sind.
2.12.1946, es geht wieder raus. Wir sind zu fünft vom letzten Kommando. Es sind Rheinländer, habe keinen Draht zu ihnen. Wir landen in Combourg, 100 Mann, Straßenbau und wieder hinter Stacheldraht. Es ist eine Baracke mit Holzfußboden und in mehrere Räume aufgeteilt. Zweistöckige Holzpritschen sind unsere Liegestätten. Es ist ziemlich eng hier, ich liege oben. Meine paar Habseligkeiten muss ich auf der Pritsche unterbringen und beim Absteigen darf ich dem Untermann nicht auf den Kopf treten. Unsere Pritsche steht in der Ecke und wird zur Hälfte von der im Winkel stehenden, nächsten Pritsche verdeckt. Nur auf Zuruf ist der Abstieg möglich. Unser Kommandoführer ist jung, unter 30 und spricht sehr gut französisch.
Im Straßenbau sind wir autark; vom Brechen der Steine im Steinbruch mit Hilfe von Sprengungen über den Ausbau der Trassenführung mit Bettaushub und beiderseitigen Gräben bis zur Fertigstellung sind wir zuständig. Ein italienischer Straßenbauingenieur hat die Gesamtleitung und mehrere Franzosen, auch als Wachmänner, unterstützen ihn. Ich arbeite mit Hacke, Schaufel und Schubkarre. Die Verpflegung ist ausreichend, im Vergleich mit meinen bisherigen Einsätzen. Ein Radio plärrt in unserer Stube, bekommen aber keine deutschen Sender rein.
Weihnachten 1946. Heiligabend bis 16:00 Uhr gearbeitet. Gestern habe ich noch rechtzeitig ein Weihnachtspäckchen erhalten. Inhalt: 1 Dose Fleisch, Wurst, Schinken, Zucker, Puddingpulver, Makronen, Kekse, Kaffeestreifen, Honigkuchen, Kerze, Äpfel, Strümpfe, Handmuffe und Creme. Es war das 29. Päckchen und für Weihnachten bestimmt. Ich hab mich sehr gefreut. Im Lager ist ein Tannenbaum aufgebaut, in einem mittleren Raum, mit Kerzen und Lametta. Auch der Weihnachtsmann war persönlich hier und verteilte einige Geschenke. Jeder bekam einen 3-Pfund-Stollen und 1 Ltr. Cidre. Der 1. Weihnachtstag ist frei. Am 2. geht’s wieder zur Arbeit, da hängt man keinen trüben Gedanken nach. Silvester bis 17:00 Uhr gearbeitet. Bis 1:00 Uhr aufgeblieben und das Neue Jahr 1947 erwartet. Was wird es uns bringen?
Jeder hofft auf Entlassung. Wir Jungen werden wohl noch einige Jahre hier zubringen. Fototermin beim Fotografen; ein Bild für die Erinnerung, kostenlos für uns.
Zum Arzt mit dem Lagerführer. Habe eine Schwielenentzündung in der Hand mit Verdacht auf Blutvergiftung. Wenn es schlimmer wird, soll ich wiederkommen. Geht aber so vorbei.
4.Februar 47, geimpft vom Arzt – wogegen?
19.März 47, ein Militärlastwagen steht vor dem Lager. Ich soll mich fertigmachen, werde abgeholt. Auch die anderen zuletzt Gekommenen sind mit dabei. Ein Wachmann setzt sich lautstark für mich bei den Soldaten ein und bedeutet mir, ich solle unterwegs aussteigen. Habe meine Arbeit wohl zu seiner Zufriedenheit ausgeführt. Nach ca. 8 km hält der Lastwagen und ich werde aufgefordert, abzusteigen. Meine neue Arbeitsstelle bei Monsieur et Madame Henri Galipot la Barbotais en Bonnemain Ille et Vilaine. Ich komme hier sozusagen im Austausch her. Mein Vorgänger, erst wenige Tage hier, soll in St. Servan aus nicht bekannten Gründen auf der schwarzen Liste stehen und geht jetzt an meiner Stelle ins Bergwerk. Der Vorgänger meines Vorgängers hier hatte eine Verwundung und wurde entlassen. Meine neuen Arbeitgeber sind ein kinderloses Ehepaar, ein Kopf kleiner als ich und freundlich. Meine Schlafstätte ist im ehemaligen alten Wohnraum, direkt an dem Viehstall gelegen. Mit einem großen, offenen Kamin, davor ein Kessel zum Futter kochen. Sonst wird er noch als Abstellraum verschiedener Gerätschaften genutzt. Vom Eingang aus gesehen, rechts vom Kamin steht mein Bett. Meine 1. Arbeit ist Stroh ziehen. Ein Spieß mit Widerhaken wird in die Strohfimme gestoßen und etwas gedreht und heraus gerissen. Eine mühselige Arbeit, denn die Fimmen werden von unten abgebaut. Je höher die Fimme, desto größer das Gewicht und um so schwerer die Arbeit. Ich sitze mit am Tisch und esse was mir schmeckt. In der ersten Nacht bin ich oft wach geworden. Habe Mitbewohner, Ratten. Wenn ich schlafen möchte, sind die hellwach, rennen und pfeifen, zanken sich um Futterreste, aber meine Müdigkeit behält die Oberhand und ich schlafe wieder ein. Meine Vorgänger sind ja auch nicht angefressen worden. Morgens werde ich von Madame geweckt, sie klopft ans Fenster und ruft: Alfred, réveillez-vous, oder weniger freundlich: allez debout. Mein erster Weg geht dann zum Pferdestall: striegeln, bürsten, tränken, füttern und ausmisten. Dann gibt es einen Milchkaffee und die Arbeit beginnt. Zum Frühstück einen Kanten Weißbrot mit einem Stück Wurst oder Schinkenspeck, dazu Cidre. Cidre gibt es zu jeder Tages- und Nachtzeit. Einige 1000 Liter lagern kühl hinter dicken Mauern, und in jedem Herbst wird neuer angesetzt. Mittags gibt es warmes Essen und abends warm und kalt. Heute hat sich der Nachbarbauer bei mir gemeldet, ich war gerade auf dem Felde unweit des Hofes. Er hat sich als homme de confiance (Vertrauensmann) vorgestellt, an ihn können wir uns mit Beschwerden wenden. Jeder Hof hat einen Kriegsgefangenen, wir halten Kontakt untereinander und besuchen uns am Sonntag. Die Höfe liegen alle weit verstreut mit mehreren 100 Metern Abstand zueinander. Ich mache alle Arbeiten, die anfallen. Bei den Arbeiten mit den Pferden ist der Bauer immer zugegen und weist mich ein.

Am 28.Januar 1948 sind wir im Hauptlager Rennes, werden aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und sind freie Arbeiter. Urlaub wird gleich beantragt. In 4 Wochen können wir fahren. Ich kaufe mir von meinem 1. Monatslohn eine Überjacke, packe meine Habseligkeiten in den Schlafsack und verschnüre ihn zu einem Päckchen, und die Reise geht los. Abschied von meinem Arbeitgeber: à bientôt, ob sie es glauben? Wir sitzen im Zug von Bonnemain nach Rennes. Umsteigen in Rennes nach Paris. Wir kommen mit jungen Leuten ins Gespräch. Gedanken gehen mir durch den Kopf über die vergangenen Jahre. Wie katastrophal waren die Transporte hierher, nicht wenige wurden tot ausgeladen – auch durch Fremdeinwirkungen von Brücken in die offenen Waggons. In Paris laufen wir im Gare de l’Ouest ein und müssen mit der U-Bahn zum Gare de l’Est fahren. Es ist ein tolles Wirrwarr im Bahnhof – die vielen Menschen. Es kreuzen sich mehrere U-Bahnlinien hier, wir müssen tiefer hinab. Fragen und finden den richtigen U-Bahnsteig. Die Richtung stimmt, rein, und wir kommen tatsächlich im Gare de l’Est an. Weiter geht es über Reims, Metz, Saarbrücken nach Kaiserslautern. Hier müssen wir uns für das deutsche Bahnnetz Bescheinigungen für die kostenlose Beförderung austellen lassen. Weiter geht es über Fulda, Kassel, Göttingen und Kreiensen nach Hannover. Hier trennen sich unsere Wege. Walter muss Richtung Hameln, ich Richtung Celle. Wir wollen in Verbindung bleiben und wünschen uns gegenseitig alles Gute für die Zukunft. Mit Walter ist auch die Vergangenheit gegangen, jetzt muß ich nur nach vorne sehen und versuchen, vieles zu vergessen.
Am 4.März 1948 kurz vor 8:00 Uhr steige ich in Eschede aus. Wie oft bin ich von hier abgefahren und wieder angekommen? Heute ist es anders, ich komme mir wie ein Fremder vor. Die Gesichter, in die ich blicke, kenne ich nicht. Auf der Bahnhofstraße, auf der anderen Seite, geht eine Person, von der ich glaube, dass es meine Cousine ist. Ich bin mir unsicher und auch von ihr kommt kein Zeichen des Erkennens. Auf dem Weg durch Eschede treffe ich keine Bekannten. Ich nehme den Kräger Kirchweg und komme so ungesehen zu Hause an. Tante Frieda Tramm ist auf dem Hof, sie erkennt mich sofort und während wir uns begrüßen, zwickt mich unser Hund in die Wade. Es ist keine freundliche Begrüßung, aber auch kein Beißen, er ist nur unsicher. Durch den lauten Ausruf Tante Friedas alarmiert, stürzen Mutter und Schwester auf den Hof, es fließen Freudentränen. Vater wird informiert, auch er zeigt Rührung.
Ich war zu Hause angekommen. Onkel Werner Tramm hatte eine Stelle als Buchhalter bei der Saatzucht Raddatz auf dem gepachteten Gut von Wackenroder bekommen, mein Bruder Herbert und Arno Brandstäter kamen im Laufe des Tages oder nach Feierabend. Die Tramms waren Flüchtlinge aus Neustettin, Hinter- Pommern, und die Schwiegereltern meiner Schwester. Hatten beide Söhne verloren und nur diese Anlaufstelle. Ich meldete mich beim Bürgermeister Hansen und bekam meinen Ausweis. Schon längere Zeit hatte ich Schmerzen im rechten Unterleib. Der Arzt schlug eine Blinddarmoperation vor. Ich ging ins Krankenhaus und wurde von Oberarzt Dr. Schmö operiert. Derweil hatte meine Mutter einen Brief in französischer Sprache an meinen Arbeitgeber in Frankreich mit der Bitte um Auflösung des Arbeitsvertrages schreiben lassen. Ich erholte mich schnell von der Operation. Um den für die englische Zone gültigen Entlassungsschein, Kontrollblatt D2/33 zu erhalten, musste ich noch einmal hinter Stacheldraht – nach Munsterlager. Der Arbeitgeber von Arno Brandstäter, Herr Kugland, hatte das eingefädelt. Er fuhr mich auch mit seinem Auto dorthin. Eine Woche dauerte die Prozedur, am 6.Juli 1948 hatte ich den Schein und war nun auch offiziell zu Hause angekommen. Meine Ankunft und die Art meiner Freilassung musste sich herumgesprochen haben und war auch zu Ohren unseres Pastors Kleuker gekommen. Bei einer zufälligen Begegnung in Eschede sprach er meine Mutter an und meinte, ich solle doch gefälligst meinen Vertrag erfüllen und mich wieder auf den Weg nach Frankreich machen. Er war vielleicht während des ganzen Krieges Militärpfarrer bei einem Stab – mit Auto und Fahrer, hatte also eine Sonderstellung in der Wehrmacht. Ich weiß nicht, was meine Mutter geantwortet hatte.
*
PS: Mit Walter Lüdeking stand ich im Briefwechsel. Von ihm weiß ich auch, dass mein Bauer sich einen anderen freien Arbeiter genommen hatte und zwar den Liebhaber der jüngeren Bauerstochter. Er wollte sicherlich versuchen, sein Verhältnis zu legalisieren. Nach einem Jahr kam keine Antwort mehr auf meine Briefe und so schlief der Briefwechsel ein. Einige Jahrzehnte später, auf einer Fahrt von Hameln nach Paderborn, machte ich einen Abstecher nach Grupenhagen. Ich fragte mich durch und von einem älteren Einwohner hörte ich, dass Walter 2 oder 3 Jahre nach seiner Ankunft aus der Kriegsgefangenschaft einen tödlichen Verkehrsunfall mit einem englischen Fahrzeug hatte – die Erklärung für sein Schweigen.
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Die Angaben zur Größe der Brotrationen möchte ich etwas relativieren. In amerikanischer Kriegsgefangenschaft in Rennes bekamen wir erstmals beim Essensempfang die Portion zugeschnitten gereicht. In den offenen Lagern in Deutschland gab es nie Brot. Es war ein großporiges Kastenweißbrot. Die Menge oder die Größe der Brotportion wurde vom Küchenpersonal ans Schwarze Brett geschrieben. Zusammengedrückt würde es wohl eine zur Faust geformte Hand ausfüllen. Die Stücke mit den wenigsten Schnittflächen waren gefragt, gab es doch dann für die Zähne ein wenig mehr zu beißen. Später, beim Franzosen, bekamen wir das Brot im Ganzen ausgehändigt. Es war ein kleinstporiges Kastengraubrot, ca. 500g schwer. Entsprechend den Angaben am Schwarzen Brett mussten sich dann 10 oder 12 Mann das Brot teilen. Um einigermaßen übersichtliche Portionen zu bekommen, wurde das Brot in Längsrichtung halbiert und dann erst entsprechend der Anzahl der Portionen aufgeteilt. Dann kam eine gebastelte, gleicharmige Waage zum Einsatz. Von den zugeschnittenen Portionen wurde ein Musterstück ausgewählt und diente als Gewicht. Alle übrigen Brotstücke wurden nun nach diesem Musterstück abgewogen. Die Prozedur konnte schon mal etwas länger dauern. Es war immer ein besonderes Ereignis und wurde von allen Betroffenen aufmerksam beäugt.
Anhang:
12.Januar 1945: Beginn der vorletzten russischen Offensive von hinter Warschau Richtung Oder.
15. auf 16.März 1945: Nachtangriff durch englische Bomber auf Würzburg, hauptsächlich mit Brandbomben wegen der Fachwerkgebäude