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Politiker
- 1932
- 20. Juli: Otto Georg Schily wird in Bochum als Sohn des Hüttendirektors
Dr. phil. Franz Schily geboren.
- 1941
- Nationalsozialisten beschlagnahmen Bücher der Eltern, die als
Anthroposophen bekannt sind.
- 1962
- Zweites Staatsexamen nach dem Studium der Rechtswissenschaften
in München und Hamburg sowie der Politikwissenschaften an der Hochschule
für Politik in Berlin.
Schily engagiert sich politisch, steht dem Sozialistischen Deutschen
Studentenbund (SDS) nahe und freundet sich mit Rudi
Dutschke und Horst
Mahler an.
- 1963
- Eröffnung einer eigenen Anwaltspraxis.
- 1971
- Schily verteidigt Horst Mahler, der auf Grund seiner Kontakte zur
Roten
Armee Fraktion (RAF) vor Gericht steht. Schily lehnt das Schwurgericht
wegen Befangenheit ab und beantragt, das Verfahren einzustellen.
- 1975-1977
- Im Stammheim-Prozess ist Schily als Vertrauensanwalt von Gudrun
Ensslin der einzige nicht entpflichtete Anwalt. Noch Jahre später
muss Schily versichern, sich nicht mit den Zielen der RAF zu identifizieren,
und sich gegen den Vorwurf wehren, er habe die Terroristen in Stammheim
aktiv unterstützt.
- 1980
- Eintritt in die Partei Die
Grünen.
- 1981
- Kandidatur bei den Kommunalwahlen in West-Berlin für die Grünen.
- 1983-1986
- Mitglied des Bundestages für Die Grünen. 1983 wird Schily
neben Petra Kelly
und Marieluise Beck-Oberdorf (geb. 1952) Mitglied des "Sprecherrates"
der Grünen Bundestagsfraktion. Infolge der Ämterrotation verzichten
die drei 1984 auf eine weitere Kandidatur für den Sprecherrat.
Schily gilt als "Realo" innerhalb der Grünen. So empfiehlt er seiner
Partei für die Zeit nach der Bundestagswahl 1987 auf ein Bündnis
mit der Sozialdemokratischen
Partei Deutschlands (SPD) hinzuarbeiten. Außerdem spricht
er sich für die Anwendung des staatlichen Gewaltmonopols aus. Beide
Äußerungen stoßen bei den "Fundamentalisten" der Partei
auf heftigen Widerstand.
- 1985
- Die Partei der Grünen ist in der Frage der Koalitionsbereitschaft
mit anderen Parteien gespalten. In Hessen bilden die Grünen eine
Regierungskoalition mit der SPD. Die sogenannten Fundamentalisten um
Petra Kelly lehnen dies ab, sie wollen keine Beteiligung an politischer
Macht, die mit Kompromissen verbunden wäre. Realpolitiker wie Joschka
Fischer und Schily hingegen wollen im Rahmen der parlamentarischen
Demokratie "grüne" Vorstellungen verwirklichen. Bevorzugter Bündnispartner
ist dabei die SPD. Zunehmend setzt sich der Kurs der "Realos" in der
neuen Partei durch.
- 1986
- Januar: Schily stellt Strafanzeige gegen Bundeskanzler Helmut
Kohl wegen des Verdachts der Falschaussage vor den Untersuchungsausschüssen
im Bundestag und im Mainzer Landtag zur Parteispenden-Affäre.
Am 20. Februar nimmt die Koblenzer Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren
gegen den Bundeskanzler auf, das am 20. Mai aus Mangel an Beweisen wieder
eingestellt wird.
Schily weigert sich, im Zuge des Rotationsprinzips sein Bundestagsmandat
niederzulegen solange der Parteispenden-Untersuchungsausschuss arbeitet.
Erst nach Beendigung der Ausschuss-Arbeit tritt er zurück. Die
Partei kritisiert dieses Verhalten.
Veröffentlichung der Abhandlungen "Vom Zustand der Republik" und
"Politik in bar. Flick und die Verfassung der Republik".
- 1987-1989
- Schily ist erneut für die Grünen Mitglied des Bundestages.
Nach den schlechten Wahlergebnissen 1987 bei den Landtagswahlen in Hamburg
und Rheinland-Pfalz und dem Scheitern der rot-grünen Koalition
in Hessen verschärfen sich die innerparteilichen Auseinandersetzungen
zwischen den "Fundamentalisten" und den "Realpolitikern" um Joschka
Fischer und Schily.
Nach einer Auseinandersetzung auf dem Parteitag in Oldenburg äußert
Schily erstmals den Gedanken, aus der Partei auszutreten.
- 1989
- Schily kandidiert für den neuen Fraktionsvorstand der Grünen,
wird aber nicht gewählt.
Parteiintern kann er sich mit seinen Vorstellungen einer rot-grünen
Reformkoalition für die Bundestagswahl
1990 nicht durchsetzen.
November: Schily tritt bei den Grünen aus und legt sein Bundestagsmandat
nieder. Anschließend wird er Mitglied der SPD.
- 1990 bis 1994
- Mitglied des Bundestages für die SPD. In der ersten Legislaturperiode
stellt die Presse fest, dass sich Schily eher zurückhält und
kaum als Redner im Bundestag in Erscheinung tritt.
Mitglied des Ausschusses für Wirtschaft sowie des Ausschusses für
Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit des Bundestages.
Veröffentlichung der Schrift "Natur und Geld. Um die Finanzierung
lebenswichtiger ökologischer Projekte" (1990).
- 1992
- Schily übernimmt die Verteidigung des wegen Wahlfälschung
angeklagten Dresdner Oberbürgermeisters Wolfgang Berghofer (geb.
1943).
- 1993-1994
- Vorsitzender des Treuhand-Untersuchungsausschusses des Bundestages.
- 1994
- Januar: Schily übt Kritik an der Praxis der Treuhandanstalt
sowie der Bundesregierung, Akten über die Privatisierung ostdeutscher
Unternehmen geheimzuhalten.
Veröffentlichung der Schrift "Flora, Fauna und Finanzen".
- 1994-1998
- Stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion. Schily
ist für die Koordinierung der Innen- und Rechtspolitik in der Fraktion
verantwortlich.
Ordentliches Mitglied im Vermittlungsausschuss, im Richterwahlausschuss,
im Wahlausschuss für die im Bundestag zu berufenden Richter des
Bundesverfassungsgerichtes und stellvertretendes Mitglied im Innen-
und Rechtsausschuss.
- 1998
- 27. September: Bei der Bundestagswahl
erreicht die SPD 40,9 Prozent der Stimmen und Bündnis 90/Die Grünen
6,7 Prozent. Damit erringen sie zusammen die absolute Mehrheit der Mandate.
27. Oktober: Gerhard
Schröder wird vom Bundestag zum siebten deutschen Bundeskanzler
gewählt. Schily übernimmt das Bundesinnenministerium im neuen
Kabinett der rot-grünen Koalition.
November: Schily äußert die Meinung, die Grenze der Belastbarkeit
Deutschlands sei im Hinblick auf die Zuwanderung von Ausländern
überschritten.
- 1999
- Februar: Schily leitet die Verhandlungen zwischen Arbeitgebern und
Gewerkschaften über die Tarife im Öffentlichen Dienst in Deutschland.
März: Die Partei- und Fraktionsführung von SPD, Bündnis
90/Die Grünen und Freier
Demokratischer Partei (F.D.P.) einigen sich auf Änderungen
im Staatsbürgerschaftsrecht. Die Einigung mit der F.D.P. ist auf Grund
der Mehrheitsverhältnisse im Bundesrat erforderlich. Schily führt
die abschließenden Verhandlungen mit Vertreten der F.D.P..
Mai: Der Bundestag verabschiedet eine Reform des Staatsangehörigkeitsgesetzes.
Dieses sieht unter anderem vor, dass in Deutschland geborene Kinder
ausländischer Mitbürger automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft
erhalten, sich jedoch spätestens mit dem 23. Lebensjahr für
eine ihrer beiden Staatsbürgerschaften entscheiden müssen.
Schily begrüßt den Kompromiss als einen Schritt von historischer
Dimension.
September: Nach einem Besuch im Kosovo plädiert er dafür,
mit der Rückführung der rund 180.000 in Deutschland lebenden
Kosovo-Albaner zu beginnen.
November: Die Ausländerbeauftragte der Bundesregierung, Marieluise
Beck (geb. 1952), kritisiert Schilys Äußerung, 97 Prozent
der Asylbewerber seien Wirtschaftsflüchtlinge.
November: Schilys Forderung, die Einkommenszuwächse der Beamten
auf einen Inflationsausgleich zu beschränken, stößt
auf heftige Kritik des Deutschen Beamtenbundes.
Dezember: Die Bundesregierung beschließt auf Schilys Vorschlag
hin ein Modernisierungsprogramm der Bundesverwaltung.
- 2000
- 23. Mai: Angesichts der
steigenden Zahl rechtsextremistischer Gewalttaten ruft Schily gemeinsam
mit Bundesjustizministerin Däubler-Gmelin ein "Bündnis
für Demokratie und Toleranz - gegen Extremismus und Gewalt"
ins Leben.
- 2001
- Juni: Schily erhält
den Bayerischen Verdienstorden.
19. September: Nach den Anschlägen in New York und Washington lässt
Schily als oberster Dienstherr der Polizei Sicherheitskonzepte für
die Zukunft ausarbeiten. Die Bundesregierung beschließt in einem
ersten Aktionspaket eine verbesserte Ausstattung der Geheimdienste,
des Bundesgrenzschutzes (BGS), des Katastrophenschutzes und der Bundeswehr.
Ferner wird das Religionsprivileg im Vereinsrecht gestrichen und die
Unterstützung ausländischer krimineller Vereinigungen unter
Strafe gestellt.
Dezember: Schily lässt die Vereinigung "Kalifatsstaat"
des Türken Metin Kaplan verbieten und deren Vermögen einziehen.
Ein zweites Anti-Terror-Gesetzespaket gibt Geheimdiensten und Sicherheitsbehörden
erweiterte Befugnisse und sieht schärfere Bestimmungen bei der
Einreise von Ausländern vor.
- 2002
- Mai: Im letzten Verfassungsschutzbericht
der Legislaturperiode warnt Schily vor den Aktivitäten extremistischer
und terroristischer Gruppen und erwähnt in diesem Zusammenhang
auch die Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS). Die Äußerungen
einiger Parteifunktionäre bieten nach seiner Ansicht Anhaltspunkte
für linksextremistische Bestrebungen und somit Anlass zur Beobachtung
durch den Bundesverfassungsschutz.
September: Schily lässt 16, dem "Kalifatsstaat" zugerechnete
Vereine und Organisationen verbieten und ihr Vermögen beschlagnahmen.
Nach dem erneuten Wahlsieg der rot-grünen Koalition bleibt Schily
Bundesinnenminister.
- 2003
- 18. März: Das Bundesverfassungsgericht
stellt das NPD-Verbotsverfahren ein, nachdem sich herausgestellt hatte,
dass einer der wichtigsten Zeugen, ein Mitglied des Bundesvorstands
der NPD, als V-Mann für den Verfassungsschutz gearbeitet hatte.
Schily, dem als Innenminister der Verfassungsschutz untersteht, räumt
Versäumnisse ein, weist aber Rücktrittsforderungen zurück.
- 2004
- Mit dem Ziel einer effektiveren
Terrorismusbekämpfung beschließt das Innenministerium den
Umzug der wichtigsten Abteilungen des Bundeskriminalamtes (BKA) von
Bonn und Wiesbaden nach Berlin. Der Beschluss wird später wieder
zurückgenommen. Schilys Vorschläge zur Einführung einer Sicherungshaft für
potentiell gefährliche Ausländer und zur Errichtung von Auffanglagern für
Asylbewerber in Nordafrika stoßen auf die Kritik des grünen
Koalitionspartners.
Verleihung des Großen Bundesverdienstkreuzes.
- 2005
- 15. Juli: Schily sagt als Zeuge vor dem Visa-Untersuchungsausschuss des Bundestages aus. Er bezeichnet den neuen iranischen Regierungspräsidenten Mahmut Ahmadinejad als "Fundamentalisten".
18. Oktober: Mit der Konstituierung
des neuen Bundestages endet Schilys Amtszeit als Bundesinnenminister. Er bleibt Mitglied des Bundestages.
(iz/reh/lb)
© Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland
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