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Annemarie Diefenbach: Erinnerungen an eine besondere Freundschaft

Dieser Eintrag wurde von Annemarie Diefenbach (*1956) im August 2002 in Büdingen verfasst.

Wenn ich heute zufällig an dem Haus vorbeikomme, in dem Du gewohnt hast, fällt mir ein, was wir zusammen erlebt haben, einen kurzen, gemeinsamen Weg, so intensiv, voll Geben und Nehmen, tolerant nennt man das wohl allgemein.

Kennenlernen

Doch beginnen wir von vorn. Den Tag weiß ich noch sehr genau, es war der 6. Dezember 1989. Dein Name ist Souleymane und wohnst mit Alex und Willy erst kurz hier in unserer Kleinstadt. Du stammst aus dem Senegal, Alex und Willy aus Zaire, der heutigen Demokratischen Republik Kongo. Ihr habt eingekauft. Alles ist so fremd, anders als bei Euch zuhause. Keine Einkaufsstimmung wie auf Euren bunten Märkten in Afrika. Nur Menschen in Hetze und Eile, besonders auch wegen des bevorstehenden Weihnachtsfestes. Wo bitte steht das Salz, fragtest Du mich in Englisch. Oh, da sind Sie bei den Kräutern aber falsch. Ich zeig' es Ihnen. Ich fahr' mit meinem Einkaufswagen los, Alex mit Eurem hinterher. Salz - Salz - Salz. Das billigste natürlich, weil ich wusste, dass Asylbewerber wenig Geld zur Verfügung haben und auch weil ich selbst auf den Preis achtete. Konversation in Englisch. Nett, dass Sie uns geholfen haben. Meinen Namen. Familie, ach ja, Familie. Ihr habt es aufgeschrieben.

Am nächsten Tag klingelt das Telefon. Du bedankst Dich nochmals für meine freundliche Hilfe, und ob wir uns nicht mal treffen können. Doch, klar, sag' ich spontan. Ich lade Euch Drei zu mir ein. Wo ist die Straße? Wie erkläre ich eine kleine Seitenstraße? Gehen Sie doch ans Kaufhaus, ich hole Euch dort ab.

Wiedersehensfreude

Kaffee, Tee, Kuchen, Tischdecke, gutes Geschirr ... Ich gehe los. Wir treffen uns, Wiedersehensfreude. Wir gehen zu mir nach Hause. Leute schauen mich komisch an: Drei Farbige, oh Gott.

Es war schön zuhause, mummelig warm, ihr habt geredet, als ob ihr mich schon ewig kennt. Meine Tochter hat ihr Französisch ausgepackt. Es war schön, ein Stückchen Heimat.

Ihr habt mich eingeladen zu Euch nach Hause. Euer Zimmer hat ungefähr eine Größe von 20-22 qm, auf reine Zweckmäßigkeit ausgerichtet und kaum geeignet, sich auch nur ansatzweise wohlfühlen zu können. Die Räume für die Asylbewerber, so sie nicht für Familien vorgesehen waren, sondern für 3-4 Einzelpersonen, wurden häufig nicht wenigstens so vergeben, dass die Bewohner die Chance einer Verständigung untereinander hatten, von einem ähnlichen kulturellen Hintergrund ganz abgesehen. Diese Tristesse sollte jetzt auf unbestimmte Zeit Euer Domizil sein: drei Betten, ein Schrank, ein Einbauschrank für die Lebensmittel, ein 2-Platten-Elektroherd, ein kleines Tischchen, 3 Stühle. Ihr habt Kuchen gekauft; Nescafé, 1 1/2 Teel. wollte ich für meine Tasse. Etwas Milch und keinen Zucker. Deine dunkelblaue Djellaba (Anm.: oriental. Kleidungsstück, ähnlich einem weiten Kaftan). Warum solltest Du sie nicht anziehen? Du trägst Kleidung aus Deiner Kultur, ich aus meiner. Toleranz nennt man das.

Weihnachten

Weihnachten. Ich kaufe 3 Strohsterne, damit es etwas festlicher im Zimmer aussieht. Du bist Moslem, ich weiß, aber Du weißt, dass Weihnachten ein schönes Fest ist. Du akzeptierst den Zimmerschmuck. Toleranz nennt man das. Alex und Willy sind Christen und Ihr müsst ohnedies tagtäglich immer wieder neu Toleranz üben, jeder mit jedem.

Nachdem ich inzwischen öfters zu Euch kam, wurde bei einigen Bewohnern wohl die Vermutung geäußert, da wäre mehr als eine Bekanntschaft. Dass bei mir die Nachbarschaft mal etwas komisch guckte, war mir ziemlich gleich, und ich konnte dem auch entsprechend entgegnen, etwa in dem Sinne: jede, die hilfsbereit ist, hat gleich was mit jemandem, besonders, wenn es sich bei dem Jemand um Farbige handelt. Damit war der Fall in der Regel erledigt. Aber in dem Wohnheim hatte ich damit eigentlich eher nicht gerechnet. Sie ärgerte mich schon, auch wenn sie lediglich aus Neidgefühlen entstanden war. Aber Ihr hattet schon vorgebeugt: zusammen hattet Ihr Drei in einer Art "Krisensitzung" beschlossen, mich als Eure weiße Schwester in Euren Kreis aufzunehmen. Schwester gewissermaßen als einen Ehrentitel, weil wir Vier irgendwie eine "innere" Übereinstimmung hatten. Mir fielen dazu die farbigen Amerikaner ein, die sich häufig als "Bruder" und "Schwester" anredeten; es könnte ja sein, dass man vor langer Zeit in Afrika tatsächlich miteinander verwandt war. Außerdem konnte ein Schwarzer einen anderen Schwarzen irgendwie besser verstehen, weil man in ähnlicher Situation war. So war ich nun Eure weiße Schwester. Und wer hat schon ein Verhältnis mit seiner Schwester, abgesehen von krankhaft veranlagten Menschen?

“Auf die Schnelle hatte ich nun drei schwarze Brüder“

Auf die Schnelle hatte ich nun drei schwarze Brüder bekommen. Damit war für alle, nicht nur für Euch Drei, sondern für alle im Haus, dieses Thema vom Tisch. Das konnten wahrscheinlich nur Menschen wie Ihr richtig verstehen. Im europäischen Kulturkreis löst so was eher Lachen oder Unverständnis aus. Für Euch war das ein Schutzmechanismus, sowohl für Euch als auch für mich, zwar nicht ganz uneigennützig, weil Ihr weiterhin Wert auf meine Besuche legtet. Außerdem war ich eine verheiratete Frau, was die Angelegenheit, für Euch zumindest, nicht einfacher machte. Nach vielmaligem Bestätigen, dass mein Mann absolut keine Einwände gegen meine Besuche hätte, das anschließende Kennenlernen, zwar im Büro, aber immerhin, war auch diese Hürde genommen.

Immer hattest Du lange Ärmel an und warst peinlich darauf bedacht, dass sie nicht hoch rutschten. Einmal jedoch, du warst gerade am Geschirrspülen, waren sie hochgezogen und man konnte kleine runde Stellen auf den Armen erkennen, die von Elektroden stammten. Die Haut sah versengt aus. Du erzähltest mir, dass Du gegen die Regierung geheime Versammlungen abgehalten hattest. Du wurdest geschnappt und im Gefängnis gefoltert. Elektroden am ganzen Körper. Als der Strom eingeschaltet wurde, sei es gewesen, als ob Du ein Vogel wärst, schwerelos, aber wahnsinnige Schmerzen dabei. Du weißt nicht, wie lange und wie oft sie Dich gefoltert haben, irgendwann warst Du ohnmächtig. Seitdem gehst Du allem, was Polizei heißt oder so aussieht, aus dem Weg. Als Du aus dem Gefängnis nach Hause kommst, stellt Dir Deine Mutter einen Eimer Wasser in die Tür; eine liebevolle, wortlose Aufforderung zur Flucht, verbunden mit allen guten Wünschen. So kommst Du nach Deutschland. Es war irgendwie wichtig für Dich, mir dies erzählen zu können - und es war an der Zeit.

Kalter Winter

Wieder einmal bin ich bei Euch gewesen, ich will jetzt nach Hause gehen. Es dunkelt schon, wie in dieser Jahreszeit gegen 17.00 Uhr üblich. Du willst nicht, dass ich beim Finstern allein gehen solle. Ich sage, dass mir das überhaupt nichts ausmacht, da ich öfters abends allein noch unterwegs sei. Alex zieht seine Stiefel an (vom Roten Kreuz aus der Kleiderkammer!) und begleitet mich. Es schneit fein und ist um die 0°. Der Schneematsch knirscht, weil er zu überfrieren beginnt. "Wir Afrikaner frieren immer so bei dem kalten Wetter in Deutschland", bemerkt Alex. Wir unterhalten uns belanglos über das Wetter hier, das die Einheimischen sicher nicht so kalt empfinden wie ein Zairer oder Senegalese. Irgendwie lag es auch in der Luft, dass ich nach seinem Asylgrund fragte. Alex erzählte, dass er in Kinshasa Betriebswirtschaft (BWL) studiert hat und fast fertig war. Mit einigen anderen Studenten schloss er sich zu einer Gemeinschaft zusammen, weil sie erkannt hatten, dass Mobutu der Ausbeuter Zaires ist. Sie wollten nicht länger diese diktatorischen Verhältnisse mittragen, gerade weil sie zu der elitären Oberschicht in ihrem Land gehören, denen es möglich war, ein Studium zu ergreifen, während andere nicht mal das Lebensnotwendigste hatten. Aber kaum, dass man sich richtig Gedanken gemacht hatte, wie man eine demokratische Studentenorganisation gründen konnte, war alles schon wieder vorbei: wie auch immer hatten Mobutus Schergen "Wind" von euren Ideen bekommen und sperrten alle Studenten der Gruppe ins Gefängnis. Drei Monate war Alex dort. Anschließend kam er nach Deutschland. - Alex' Stimme stockt. Wir sehen uns an. Ich wusste, dass er nicht mehr über das "Wie" in einem zairischen Gefängnis sprechen wollte. Aus dem eigentlich immer fröhlichen Alex, der die Seele eines großen Kindes besaß, ist wieder das geworden, was er eigentlich wirklich war: ein zutiefst ernsthafter junger Mann.

Im Übrigen hat er mich weit genug begleitet, den Rückweg brauchte er jetzt sicherlich für sich allein. Aber er hat endlich von seinem Motiv gesprochen, warum er aus Zaire wegging, mit mir, einer vertrauten Person.

“gezwungen zum Nichtstun“

Alex, so ein interessierter Mensch, gezwungen zum Nichtstun. Er behilft sich mit dem neu eingerichteten Deutschkurs für Ausländer, wenigstens sein Deutsch zu verbessern. Das war zwar ohnehin schon relativ gut, aber er braucht etwas, um den Kopf in Schwung zu halten. Vokabeln, Wörterbücher, Arbeitshefte der Volkshochschule - sie sind wichtige Unterlagen, um geistig nicht zu verkümmern. Er weiß, dass sein BWL-Studium hier nicht anerkannt wird, er zur Zeit nicht mal arbeiten darf ( damals galt noch das 5-jährige Arbeitsverbot, das 1992 aufgehoben wurde). Kurzum: es war alles schwierig. Für Alex vielleicht noch mehr als für viele andere, da er sich geistig fit halten wollte, was er auf vielerlei Art tat, jedoch eben nur teilweise möglich war.

Ins Krankenhaus musst Du. Leistenbruch. Armer Souleymane. Und dann noch über Deinen Geburtstag. Ich besuche Dich. Isolierstation. Wieso? Er würde so husten, wohl Lungenentzündung. Ob ich den näher kenne, diesen Asylanten. Ich kenne ihn näher, aber Er hat keine Lungenentzündung, sondern einen stinknormalen Husten, wie jeder ihn mal im Winter kriegt. In erster Linie hat er eine Leistenbruchoperation hinter sich. Trotzdem, der bleibt im Isolierzimmer. Warum haben Ausländer Lungenentzündung, wo Deutsche nur einen einfachen Husten haben?

Du schläfst. Ich habe einen kleinen Kuchen gebacken, weil Du doch Geburtstag hast. Ich habe sogar ein Teelicht mitgebracht, das man in die Mitte stellen kann. Du bist inzwischen aufgewacht. "Schön, dass Du da bist." Als ich Dir zum Geburtstag gratuliere und den Kuchen gebe, kommen Dir fast die Tränen. "Die Operration. Du verstehst?" Ich verstehe, besser als Du denkst. Alex ist gekommen. Du sollst die Kerze anzünden und dann auspusten. "Probier' doch den Kuchen", meint Alex. "Ich darf nicht wegen der Operation", sagst Du. "Dann gib' mir ein Stückchen!" "Nix, das ist mein Kuchen!" "Nun gib ihm halt ein Stückchen", schalte ich mich ein. "Der schmeckt toll", bestätigt Alex und kaut. Dein Verlangen wird größer, doch ein winziges Kuchenteilchen zu probieren, besonders weil Alex angedroht hat, er würde den Kuchen allein essen, weil er so gut sei. Als Du und ich endlich unser Teil gegessen haben, war das irgendwie die schönste Geburtstagszeremonie, die ich seit langem erlebt habe.

Dir geht es besser: Du kannst auch wieder aufstehen und ein bisschen hin- und herlaufen. Ab morgen sollst Du in ein normales Krankenzimmer verlegt werden. Was für ein Glück, endlich bist Du nicht mehr allein. Die Krankenschwester stammt aus Bangladesh, ist ungefähr Anfang 20. Sie ist vielleicht die einzige im Krankenhaus, die Deine Probleme richtig verstehen kann, weil sie selber in ähnlicher Situation ist.

Am nächsten Tag liegst Du bei zwei alten Männern im Zimmer. Die reden nur miteinander, nicht mit Dir. Wenn Du sie fragst, wie es ihnen geht, hörst Du nur "Gut!". Auf eine andere Frage eine andere einsilbige Antwort. Oh Gott, da war ja das Isolierzimmer noch besser, das hier ist eine vollkommene Abgrenzung von Dir. Du spürst es, ich auch. Wenn ich Dich besuchen komme, kann ich ihre Gedanken förmlich lesen: "Weiße Frau mit schwarzem Mann, mit manchmal sogar zwei Farbigen." Wir ziehen es vor, uns auf die Sitzgruppe im Gang zu setzen und uns dort zu unterhalten. Bald wirst Du entlassen werden. Dann wird alles wieder gut.

Mein Geburtstag

Endlich bist Du zurück im Wohnheim. Bald hab' ich Geburtstag, erzähle ich beiläufig. Ich lade Euch Drei ein. Wir kommen, sagst Du. Ich freue mich. Ihr freut Euch auch. An meinem Geburtstag rufst Du nachmittags an. Heute würde es Euch leider nicht passen, ob ich morgen Nachmittag Zeit hätte. Was für eine Frage!

Am nächsten Nachmittag steht Ihr alle Drei wie von der Oma feingemacht vor der Tür. Alex versucht, wie ein kleines Kind das mitgebrachte Geschenk hinter seinem Rücken zu verbergen. Was für eine Riesenkiste habt Ihr denn mitgebracht, denke ich. Ihr gratuliert höflich und fragt nach meinem Alter. Außerdem soll ich jetzt die Kiste aufmachen. Rosafarbenes Papier mit kleinen hellblauen Elefanten und "weil ich Dich mag" darunter geschrieben als Umhüllung und viele Bänder und Schleifen für die Überraschung. Und die war dann wirklich eine. Ein Kaffeeservice für vier Personen! Mir bleibt die Spucke weg. Ihr habt doch sowieso so wenig. "Ach, wir haben ein bisschen gespart, weil wir wussten, dass Du Geburtstag hast. Etwas weniger gegessen und so." Wie dieses Sparen ausgesehen hat, kann ich mir an einer Hand abzählen. Eine Mahlzeit täglich ausfallen lassen, Geld zurücklegen, Geschenk kaufen. Dieses Geschenk ist für mich seitdem mit das Wertvollste, das ich je bekommen habe. An Eurer Haushaltsführung kann sich jede/r ein Beispiel nehmen: jeder Kassenbon wird sorgfältigst abgerechnet und hin und her gerechnet, wie viel Geld beim nächsten Einkauf ausgegeben werden darf.

Warum Sie am eigentlichen Geburtstag nicht gekommen waren, wurde mir auch klar: Sie wollten mich nicht vor meiner versammelten Verwandtschaft "blamieren". Bevor Sie -die Farbigen - zu dritt auftauchen würden, blieben sie lieber zuhause, um mich bloß nicht evtl. in Misskredit zu bringen und verschoben den Besuch auf den nächsten Tag. Lieb, dass Sie angerufen hatten. Ich weiß wirklich nicht, wie einige meiner Verwandten reagiert hätten.

Ostern

Ostern steht vor Tür. Ich habe Osterkörbchen gebastelt, lege Ostergras, Eier und Schokoladeneier hinein. Eigentlich sollen die Körbchen ja für die Kinder aus meiner kirchlichen Wochenstunde sein. Aber dann habe ich auch für Euch jeweils ein buntes Körbchen zusätzlich gebastelt. Keiner von Euch hat so was jemals vorher gesehen. Du als Moslem fragtest nach dem deutschen Osterbrauch. Und ob ich auch noch ein großes Osterkörbchen machen könnte. Kann ich doch glatt. "Hebt sich das Ei auch länger auf, es ist doch Ramadan. Ich darf doch noch bis 25. nichts essen, nur morgens vor Sonnenaufgang und abends, wenn die Sonne untergegangen ist." Au Backe, hab' ich total vergessen, aber das Ei wird wohl noch solange unverdorben bleiben. Wenn nicht, koch' ich Dir noch mal eines extra, was Du aber nicht unbedingt willst. Du erzählst mir, wenn der Ramadan zu Ende ist, werden wir Muslime ein Fest feiern mit Kuchen und gutem Essen. Wir tauschen uns aus: Du erzählst vom Ramadan, ich von Ostern. Toleranz nennt man das.

Kuchen backen - wie will er das überhaupt machen ohne Backofen? Irgendwie krieg' ich das nicht in meinen dummen Kopf. Also, denke ich, so ein schöner Schokoladekuchen, das wär's. Am 25. backt morgens mein Backofen wiedermal. Extra schokoladig. Gut verpacken, erschütterungssicher, denn mein Fahrstil auf dem Fahrrad ist teilweise nicht unbedingt so, wie es die Polizei erlaubt. Ich weiß nicht, ob man sagt: ein schönes Ramadanende oder so. Ich hab' für Dich und die anderen Moslems was mitgebracht für heute. Trifft es irgendwie besser. Du bist sprachlos, weil Du nicht erwartet hast, dass ich die Christin einem Moslem für sein religiöses Fest einen Kuchen backe. Doch, genau deswegen. Ich Christin, Du Moslem, verbindend die gegenseitige Toleranz. "Du isst mit uns von dem Kuchen. Heute Morgen bist Du Moslem, heute Nachmittag kannst Du wieder Christin sein." (Anm.: Am Nachmittag leitete ich wieder, wie jede Woche, die Kinderstunde unserer Kirche.) So saß ich mit Dir und noch zwei anderen Moslems zusammen und wir aßen Kuchen und tranken Kaffee und es war wunderschön. Toleranz nennt man das.

Nach Nürnberg zur Zentralstelle für Asyl

Du sollst nach Nürnberg zur Zentralstelle für Asyl (ZAST) kommen. Du hast eine Landkarte von der ZAST, auf der Du Dir die Bahnstrecke ansehen kannst. "Wie weit ist das nach Nürnberg, und wie muss ich fahren?" Ein bisschen ratlos schaust Du Dir die Karte an. Ich sage: "Du fährst von hier nach Frankfurt, die Strecke kennst Du. Von Frankfurt nach Nürnberg ist das wahrscheinlich so die richtige Verbindung." Ich fahre die vorgezeichnete Bahnlinie von Frankfurt nach Nürnberg mit dem Finger nach. "Gut", sagst Du, malst mit einem Kugelschreiber die beschriebene Wegstrecke zur Sicherheit noch mal nach. "Und wie weit ist das etwa?" Zufällig liegt ein Fädchen auf dem Tisch; ich nehme es, winde es, so gut es geht, auf der beschriebenen Linie entlang, messe es dann am Maßstab der Karte und sage, dass es ca. so und so viel Kilometer sein dürften. Alex kriegt große Augen, wie ich die km-Zahl herausgekriegt habe. "Das muss ich mir merken, wie Du das gemacht hast!" Zur absoluten Sicherheit sollst Du in Frankfurt noch mal nach der richtigen Strecke und den Zügen und evtl. nach dem Umsteigen fragen. "So werde ich es machen!" Ich gebe Dir noch den guten Rat, falls Du einen längeren Aufenthalt in Frankfurt hast, in die Bahnhofsmission zu gehen. Dort könntest Du für wenig Geld etwas essen. "Ach, wenn ich Dich nicht hätte," sagst Du, ".... hättest Du jemand anders!" meine ich. Wir lachen und wissen alle, wie das gemeint war.

Sprachliche Verständigung

Überhaupt ist die sprachliche Verständigung zwischen uns Vieren ein Kapitel für sich. Du und Alex und Willy sprecht als Kolonialsprache französisch, was ich aber nicht kann. Das ärgert mich bis heute, dass ich das in der Realschule nicht gelernt habe. Du und Alex könnt darüber hinaus noch englisch, was eine Verständigung zwischen uns ermöglicht. Allerdings beherrscht Willy kein Englisch und muss sich alles übersetzen lassen, um am gemeinsamen Gespräch teilzuhaben, so wie ich von Euch Willys französisch verdolmetscht bekomme. So klappt das alles wunderbar, es sei denn, Willy und ich sind mal allein (was eher selten vorkommt); dann radebrechen wir uns mit aufgeschnappten deutschen bzw. französischen Wörtern einen ab - zugegebenermaßen ein mühsames Unterfangen. Dann, um der babylonischen Sprachverwirrung noch das Tüpfelchen aufzusetzen, sprechen Alex und Willy Lingala, die Hauptsprache Zaires. Du aus dem Senegal kannst dieses wiederum nicht, sondern sprichst normalerweise Wolof. Aus einem mir nicht bekannten Grund hat Alex es geschafft, sich mit Dir leidlich in einer Mischung aus Wolof und französisch unterhalten zu können (Alex suchte ja immer irgendwas für seine Bildung, egal was). Aber die "normale" Unterhaltungssprache zwischen Euch Dreien war französisch, der "kleinste gemeinsame Nenner" sozusagen.

Alles dies fand an Eurem kleinen Tischchen statt, auf dem die Kaffeetassen einen kurzen oder längeren Plausch über Probleme oder über Gott und die Welt gemütlich werden ließen. Wenn ich die Tür öffnete und in Euer Zimmer trat, stelltest Du, ohne überhaupt zu fragen, das Wasser zum Kochen auf, um mir eine oder mehrere Tassen Nescafé anbieten zu können, die Du Dir natürlich dann auch gönntest oder einen hoffnungslos überzuckerten Tee, wie Du ihn liebtest.

Dies aber nur als Randbemerkung; denn die sprachliche Verständigung (oder auch nicht) spielte meist eine untergeordnete Rolle, obwohl es wichtig war, miteinander reden zu können, wenn auch wie zuvor beschrieben, über einige Umwege, bis Euer deutsch besser war. Die "innere" Verständigung ist das wichtigere, sonst hätten wir niemals eine solch wunderbare freundschaftliche Verbindung aufbauen können. Und wenn einer 1000 Sprachen beherrscht, hat er doch vielleicht niemals die Chance, die "Sprache des Herzens" zu sprechen. Wir hatten alle ganz einfach miteinander viel Glück gehabt.

Willy

Zu Willy sollte ich vielleicht noch kurz was sagen. Er war eher ein ruhiger Vertreter, in manchen Dingen vielleicht unbeholfener als Du oder nicht so flott im Kopf wie Alex, was keineswegs eine Diskreditierung darstellen soll. Er hatte seine Fähigkeiten auf anderem Gebiet, was ebenfalls wichtig war und ist, sich mir aber auch leider erst später erschloss. Willy war in seiner Heimat Laienprediger einer Kirche gewesen. Das fehlte ihm hier doch etwas und konnte erst später überbrückt werden, als seine deutschen Sprachkenntnisse sich verbessert hatten. Er verstand wohl in Teilen, wenn wir uns über Kirche und Glauben unterhielten, konnte sich aber eben nicht selbst entsprechend ausdrücken, sondern nur über Alex oder Dich als Dolmetscher. Bei Alex, ebenfalls Christ, war das dann auch bei mir noch entsprechend angekommen, aber da Du Moslem warst, waren Dir christliche Gegebenheiten nicht unbedingt vertraut. So war alles zwischen uns Vieren ein neues Verstehenlernen und Toleranzüben. Die Betonung liegt hier auf dem Respekt zwischen den einzelnen Religionen und Konfessionen, eine Missionierung kam niemals einem von uns auch nur ansatzweise in den Sinn.

Kurz danach passiert die Sache mit der Eingangstür, die uns eine Ahnung vermittelt von so was wie rechtsausgerichteter Blödheit und ihren fatalen Folgen. Ich verabschiede mich von Euch und will nach Hause gehen. Du gehst noch mit nach unten an das Gemeinschaftstelefon, weil Du ein Gespräch führen willst. Ich will die schwere stählerne Eingangstür öffnen. Doch im selben Moment wird diese von einem kleinen, ungefähr 6 Jahre alten Mädchen von der anderen Seite aufgemacht. Die Kleine grüßt mich, weil sie mich kennt, kommt in den Flur und im gleichen Augenblick kippt die offensichtlich aus den Angeln gehobene Tür auf mich zu. Mit beiden Händen fange ich sie ab, damit sie nicht auf uns fällt. Ich rufe laut nach Dir. "Souleymane, schnell!" Wie ein geölter Blitz kommst Du um die Ecke und noch ein anderer Mann ebenfalls. Durch das Rufen kommen noch Alex und einige andere Hausbewohner angelaufen, und mit vereinten Kräften heben die Leute die Tür wieder in die Angeln. Die Mutter tröstet ihr erschrockenes Kind und man fragt mich x-mal, ob mir auch bloß nichts passiert ist. Nein, ist nicht, aber wenn die Tür auf das oder ein anderes Kind oder jemand sonst draufgefallen wäre - o Gott, nicht auszudenken.

Nelson Mandelas Freilassung

Im Radio und Fernsehen gibt es nur ein Hauptthema: Nelson Mandela, der südafrikanische Widerstandskämpfer, ist nach 28 Jahren Gefängnisaufenthalt endlich freigelassen worden. Welch eine gute Nachricht! Weil ich weiß, dass Mandela für alle Schwarzen eine Identifikationsperson ist, wie viel es bedeutet, wenn er nach so langer Zeit gewaltlosen Widerstands frei ist, mache ich mich gleich am Vormittag auf, um Euch die Neuigkeit zu berichten. Jemand, der im Haus wohnt, und ein Radio besitzt, hat alle anderen schon darüber informiert. Aber Ihr freut Euch, dass ich dieses Glücksgefühl mit Euch teilen will, dass es mir so wichtig war, Euch gleich am Morgen die Freude weiterzugeben. Wir sprechen noch eine kurze Weile miteinander, weil ich dann wieder los muss zum Einkauf. Aber dieser Moment - das war wichtig für Euch. Nelson Mandela ist schließlich nicht irgendwer in Afrika für die Menschen.

Ihr wollt in das andere Asylbewerberheim umziehen. Dort sind die Räume etwas größer, heller, schöner. Ob ich deswegen einen Brief schreiben könnte. Natürlich, das ist für mich doch eine Selbstverständlichkeit. Bald darauf zieht Ihr von Nr. 7 im einen Haus in Nr. 8 ins andere Haus um. Brot, Salz und Wasser - Geschenke, die man gibt, wenn man in eine neue Wohnung einzieht. Du bist nicht da, als ich es bringe. Alex freut sich, weil er damit doch absolut nicht gerechnet hat. Als Du wieder zurück bist und die Sachen stehen siehst, wusstest Du, dass die nur von mir sein konnten. Nur eine denkt an so was!

Schlechte Nachrichten

Gedrückte Stimmung: Alex hat schlechte Nachrichten von daheim. Sein Vater ist gestorben. Alex ist "kopflos" und redet vom Heimfliegen zu seiner Familie. Von welchem Geld weiß er ja selber nicht. "Du kannst nicht. Wenn Du auf dem Flughafen landest, werden die dich kassieren und du sitzt wieder im Gefängnis. Versteh' doch, es geht nicht, Menschenskind." Mit dem Kopf versteht er, mit dem Herzen nicht. "Dann flieg' ich eben nach Kongo. Da wohnt die Familie meiner Mutter." Kongo ist das Nachbarland Zaires und Alex' Mutter stammt von dort. Alex geht mit Willy einkaufen. Vielleicht eine kleine Ablenkung. Ich bitte Dich: "Du musst ihm ins Gewissen reden, dass er keinen Quatsch macht. Sei so gut und rede mit ihm. Er darf nicht zurück, nicht jetzt, viel zu gefährlich. Überhaupt, Du weißt schon, was ich meine." Diese ungeheure Übereinstimmung ohne viele Worte. Die hatten nur wir beide. Niemand vorher und niemand nachher. Als ich zwei Tage später wieder zu Euch kam, war das Thema "Heimflug" erledigt.

Dann kam das berüchtigte Jahr 1992, als landauf, landab fast täglich von ausländerfeindlichen Übergriffen zu hören war, besonders auf Gemeinschaftsunterkünfte von Asylbewerbern. Die Angst ging um in deutschen Wohnheimen. Keiner ging mehr allein aus dem Haus, mindestens zu zweit war man unterwegs. Abends um 18.00 Uhr war die Eingangstür verschlossen; wenn ich Pech hatte und Abdallah aus dem 1. Stock nicht da war, musste ich bis hoch zu Euch in die 3. Etage, damit jemand aufschloss und ich auch nach Hause konnte. Sofort wurde hinter mir wieder zugeschlossen. Man konnte die Furcht förmlich spüren, die alle Leute betraf: war man aus den unsicheren Verhältnissen des Heimatlandes geflohen in das sicher geglaubte Deutschland, um jetzt hier doch angegriffen, verletzt oder gar Schlimmeres erleiden zu müssen? Gott sei Dank geschah kein weiterer gegen Ausländer gerichteter Übergriff in unserer Kleinstadt, von einer eingeschlagenen Fensterscheibe abgesehen und der schon zuvor genannten, aus den Angeln gehobenen Tür. Aber sowohl bei dem einen als auch dem anderen Vorfall hätte es u.U. anders ausgehen können. Jedoch die psychische Situation der Menschen in den Häusern war nicht mehr die gleiche als vorher. Misstrauen war an der Tagesordnung und es dauerte lange, bis sich die Lage wieder beruhigt hatte.

Bald darauf bist Du nicht mehr da. Alex versucht zu verheimlichen, dass Du weg bist. Doch auf Dauer geht das nicht. Gerüchte gehen um. Rauschgift sollst Du gedealt haben. (Das einzige "Rauschgift", was Du je gehabt hast, waren Deine Gaulloise!) So ein Blödsinn, denke ich, sage ich und rege mich darüber auf. Ich habe Dich gekannt, gemocht als Freund, als Bruder - vielleicht nicht gut genug, um alles von Dir zu wissen. Du hast mich nie ausgenommen, angepumpt, im Gegenteil: ich hätte von Dir alle Reichtümer der Welt bekommen können. Deine - unsere - Freundschaft war, ist es gewesen, die uns reich gemacht hat. Du bist weggegangen, weil Du Angst hattest vor der Polizei. Da war ich machtlos mit meiner manchmal blauäugig-emotionalen Hilfe, die am Ende eigentlich immer dem Hilfesuchenden was gebracht hat: Menschlichkeit, Freundschaft, das Gefühl, dass in diesem fremden Land nicht alle nur den Blick auf sich gerichtet haben. Das Schlimmste waren die Abschiebungen, besonders nach langem Aufenthalt hier. Es war, als ginge ein Teil von einem selbst mit.

Heimat im Exil

Ich wollte Dir, auch den anderen, so was wie ein Stückchen Heimat vermitteln. Dies ist mir hoffentlich gelungen. Ich habe viel gelernt über Flucht, Asyl und ihre Gründe. Ihr wart bereit, auf meine Kultur einzugehen. Nie war dies alles von Euch falsch verstanden worden, sondern nur so, wie es wirklich gemeint war: freundschaftlich, ehrlich, eben schwesterlich! Sicher war Dein Weggehen für mich schmerzend, aber heute weiß ich, dass es besser war zu gehen, ohne mir vorher etwas zu sagen. Es wäre viel schwieriger gewesen, von Dir Abschied nehmen zu müssen.

In dem berüchtigten Brief von der Polizei, den Alex und ich dann gemeinsam geöffnet und gelesen haben, stand nichts von Rauschgift geschrieben. Du warst nur "illegal" in Frankfurt und bist erwischt worden (Anm.: man braucht eine Genehmigung der Ausländerbehörde, um den zugeteilten Landkreis verlassen zu dürfen). Eine geringfügige Geldstrafe solltest Du bezahlen. Das war alles. Vielleicht liest Du das hier einmal, damit Du Bescheid weißt.

Und außerdem: Du wirst immer eine weiße Schwester haben, was auch geschieht und wo Du auch bist!

Alle anderen Asylsuchenden lernte ich indirekt durch Dich, Alex und Willy kennen - und das sind seit Ende 1989 nun wirklich recht viele, sehr verschiedene, aus etlichen Nationen, hier in unserer Stadt und auch anderswo. Die Arbeit mit und für Asylsuchende ist für mich ein zentraler Punkt meiner ehrenamtlichen Tätigkeiten, auch von meiner christlichen Grundeinstellung her. Aber Toleranz und Respekt kann man wahrscheinlich erst wirklich üben und erlernen mit Menschen, die eben nicht meinem Glauben, meiner Art zu leben usw. entsprechen.

Da hat die Suche nach einem Päckchen Salz wahre Wunder vollbracht!

Empfohlene Zitierweise:
Diefenbach, Annemarie: Schwarzer Bruder - Weiße Schwester.
Erinnerungen an eine besondere Freundschaft, in: LeMO-Zeitzeugen, Lebendiges Museum Online, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland,
URL: http://www.hdg.de/lemo/zeitzeugen/annemarie-diefenbach-schwarzer-bruder-weisse-schwester.html
Zuletzt besucht am: 21.08.2018

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