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Horst-Helmut Teller: Die Anfangszeit als Vorsteher im Finanzamt Merseburg

Dieser Beitrag wurde von Horst-Helmut Teller (*10.01.1940) in Oldenburg 2024 verfasst.

Erster Eindruck von Merseburg

25. November 1991

Inzwischen ist mir der genaue Termin des Beginns meiner Tätigkeit in Merseburg bekanntgegeben worden. Es ist der 2.12.1991. Renate und ich waren schon in Merseburg. Wir haben uns die Stadt und das Finanzamt angesehen. Die Stadt macht den üblichen ostdeutschen Eindruck – viele graue, verfallene Häuser und Häuserblocks in Plattenbauweise – nicht besser, aber auch nicht schlimmer als andere Städte in dieser Region. Das Schloss, die Umgebung des Schlosses mit dem Park und die Saale sind sogar schön. Gesprochen wird ein reines Sächsisch – Leipzig liegt 30 Kilometer entfernt.

Ein schwerer Anfang

21.12.91

3 Wochen Merseburg liegen hinter mir. Der Beginn meiner Tätigkeit war ungewöhnlich. Ich kam nach ca. sechsstündiger PKW-Fahrt um 10 Uhr in Merseburg beim Finanzamt an, wurde empfangen von der bis dahin amtierenden ostdeutschen Vorsteherin. Diese stellte mir das Amt nach einer kurzen Kaffeepause innerhalb von einer Stunde vor, verabschiedete sich und wünschte mir viel Erfolg.

Da stand ich mit meiner Kunst und musste sofort loslegen, Menschen einsetzen, dirigieren, bestimmen, Auskunft geben. Es war ein schwerer Anfang. Vor allem, weil die Mentalität der Ostler und meine Mentalität sich bissen. Meine Anordnungen wurden immer freundlich und höflich vorgetragen. Das war man bis dahin nicht gewohnt, Vorgesetzte handelten sehr bestimmt und barsch, Diskussionen waren nicht erlaubt. Es hat einige Tage gedauert, bis die Bediensteten merkten, dass ich das freundlich Vorgetragene auch wirklich wollte und für die Durchsetzung sorgte.

Fremde Welt

Meine Heimat habe ich im Osten noch nicht wiedergefunden. Es ist eine graue, schmutzige, zerfallene, nach Abgasen und Braunkohle stinkende fremde Welt. Somit bin ich zwar von Geburt nicht der Wessi, gedanklich bin ich es jedoch durch und durch.

Man redet vorläufig noch sehr vorsichtig mit mir. Die bisherigen politischen Strukturen sind noch nicht vergessen, und bestehen offensichtlich noch immer. Erst langsam beginnt man sich mir zu nähern und vertrauensvoll mit mir umzugehen. Allerdings muss man auch begreifen, wie schwierig das ist, wenn einem einer aus dem Westen vor die Nase gesetzt wird. Auch die Angst war vorhanden, dass dieser Vorgesetzte möglicherweise aufräumen sollte und die Bediensteten mit sehr politischem Hintergrund entlassen sollte. Und wer hatte in einer staatlichen Verwaltung keine politische Vergangenheit.

Zwischen Pflicht und Mitgefühl

Die Angst war nicht unberechtigt. Bei einer Besprechung in Magdeburg mit der OFD und dem Finanzministerium bekam jeder der Vorsteher eine Liste mit Leuten, die er zu entlassen hatte, weil sie eine zu hohe Position in der SED bekleideten. Ich hatte auf meiner Liste unter anderen auch meinen bisherigen Vertreter stehen. Leider war dieser – ein älterer, sehr netter Herr – um die 60 Jahre. Dieser Herr genoss bei der Belegschaft große Anerkennung, weil er seinen hohen Parteirang nie ausgenutzt hatte. Außerdem erfreute er die Mitarbeiter bei jeder gemeinsamen Feier mit seinem herrlichen Bariton und schmetterte herrliche Operettenmelodien. Sein Spitzname war Poldi.

Auf der Rückreise war ich sehr still, vor dieser Amtshandlung hatte ich große Bedenken. Am nächsten Tag bestellt ich den Herrn zu mir ins Vorsteherzimmer. Er kam schon mit gesenktem Kopf in mein Zimmer, sah mich an und fragte: „Na, ist das mein letzter Arbeitstag?“ Mir war jedoch vorher in langer, schlafloser Nacht die Idee gekommen, einen Aufhebungsvertrag mit ihm zu schließen und ihn dann mit niedrigem Rang wieder einzustellen. Ich hatte ausreichend Posten zur Verfügung. Dann hatte ich die Auflagen des Ministeriums erfüllt und ihm dennoch eine Arbeit erhalten. Als ich dem alten Herrn diesen Vorschlag machte, weinte er vor Rührung und umarmte mich.

Im Amte sprach sich das sehr schnell herum und das Vertrauen in meine Amtsführung wuchs beträchtlich. Poldi hat sich dieses Vertrauens würdig erwiesen und seinen niedrigeren Rang sehr gut ausgefüllt. Später hatte er eine vernünftige Rente und politisch ist er nie wieder in Erscheinung getreten.

Herausforderung als neuer Vorgesetzter im Osten

Mein Job verlangt den Einsatz des gesamten Geistes und des Körpers. Als Vorsteher des Finanzamtes Merseburg bin ich Anlaufstation für die Bediensteten und auch der Steuerberater und Gewerbetreibenden. Alles ist anders als im Westen, einiges funktioniert, vieles nicht. Und etwas ist neu für mich. Wenn ich als Vorgesetzter im Westen, in Oldenburg meinen Mitarbeitern neue Vorschriften oder Anordnungen vortrug, wurde über alles diskutiert und versucht, das Neue zu zerreden. In meiner jetzigen Umgebung wurde alles als eindringlicher Befehl aufgenommen und sofort umgesetzt. Ich musste somit jede meiner Ideen so weit durchdenken, dass dabei keine Fehler unterlaufen konnten. Die OFD und das Ministerium konnten nicht helfen, Magdeburg war zu weit weg und die Telefonverbindungen äußerst schlecht. Außerdem hatten diese Behörden viel zu wenig Personal.

Die Angestellten des Finanzamtes bemühen sich redlich, es wird sehr viel und angestrengt gearbeitet, nicht immer effektiv. Wir sind auf die Hilfe der Niedersächsischen Finanzämter angewiesen. Die Vorsteher dieser Ämter bemühen sich, Beamte aus den verschiedenen Steuergebieten zu unserer Unterstützung auf ein bis sechs Monate, oder auch länger abzuordnen. In der ersten Zeit gelingt das sehr gut. Die Bezahlung ist sehr gut und jeder möchte auch mal sehen, wie es im Osten aussieht.

Die Merseburger Bediensteten sind sehr lernwillig und lernen sehr schnell. Jeder der einheimischen Kräfte wird auf verschiedene Lehrgänge geschickt, um das wirklich sehr komplizierte Steuerrecht zu begreifen. Dabei werden auch Klausuren geschrieben. Die Ergebnisse dieser Klausuren werden den Vorstehern zugesandt, so dass ich schnell erkennen kann, wer lernwillig und lernfähig ist. Es stellt sich heraus, dass die weiblichen Bediensteten wesentlich bessere Ergebnisse erzielen. Schnell filtert sich in meinem Amte ein Kreis von wirklich guten Kräften heraus, die zu höheren Aufgaben fähig sind.

Durch den ständigen Umgang muss ich erkennen, dass die Bediensteten überwiegend sehr viel Vertrauen zu mir bekommen haben, und es entwickelt sich ein besseres Betriebsklima.

Unsichere Zeiten in Merseburg

Die meisten der Bediensteten sind Frauen, die zu ihrer Doppelbelastung zurzeit auch noch unter der Angst leben, dass ihre Männer entlassen werden. Merseburg ist reiner Industriestandort. Leuna im Norden, Buna im Süden – jeder der Betriebe mit ursprünglich ca. 20.000 bis 30.000 Arbeitnehmern. Bis jetzt ist die Zahl auf je 14.000 reduziert. Zum Jahresende 1991 werden beide Betriebe noch einmal 6.000 Leute entlassen.

Jeden Morgen die Frage zwischen den Frauen: „Ist Dein Mann noch auf Arbeit?“

Es hatte sich inzwischen unter den Vorsteherkollegen ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt und in der Zeit nach 18 Uhr telefonierte man untereinander und versuchte so den richtigen Weg zu finden.

Ich habe mir vorgenommen, alles etwas ruhiger und gelassener anzugehen. Aber das sagt man immer, nur ob es durchführbar ist, merkt man erst hinterher. Im Januar will ich mit der Bahn fahren, Karten sind schon besorgt. Die Fliegerei ist nicht durchführbar, zu teuer, die Finanzverwaltung übernimmt nicht die hohen Kosten.

Zur Person

Horst‑Helmut Teller wird am 10. Januar 1940 in Neubrandenburg geboren. Die Familien seiner Mutter und seines Vaters leben seit mehreren Jahrhunderten in Mecklenburg, Vorpommern und Pommern. Infolge des Zweiten Weltkrieges und der Nachwirkungen im Norden Deutschlands lebt er von 1945 bis 1953 in Neubrandenburg, Plau, Marxen, Lübeck und Oldenburg. Später wird Teller von der Niedersächsischen Finanzverwaltung nach Sachsen‑Anhalt entsandt. Dort leitet er von 1991 bis 1993 als Vorsteher das Finanzamt Merseburg. Seit vielen Jahrzehnten lebt er in Oldenburg, ist seit über 60 Jahren verheiratet und hat zwei Kinder, Schwiegerkinder und zwei Enkelkinder, für die er seine Lebensberichte verfasst hat.

Empfohlene Zitierweise:
Teller, Horst-Helmut: Die Anfangszeit als Vorsteher im Finanzamt Merseburg, in: LeMO-Zeitzeugen, Lebendiges Museum Online, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, URL: http://www.hdg.de/lemo/zeitzeugen/horst-helmut-teller-die-anfangszeit-als-vorsteher-im-finanzamt-merseburg.html
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