Willy Brandt 1913 - 1992

Willy Brandt ist ein deutscher SPD-Politiker und von 1969 bis 1974 Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Als Kanzler in der sozialliberalen Koalition schlägt Brandt mit seiner „Neuen Ostpolitik“ einen Kurs der Entspannung und Versöhnung mit Staaten des Warschauer Paktes ein. Dafür wird er 1971 mit dem Friedensnobelpreis geehrt. 1974 tritt er nach der Agentenaffäre um Günter Guillaume zurück.

  • 1913

    18. Dezember: Willy Brandt wird unter dem Namen Herbert Ernst Karl Frahm in Lübeck geboren.

    Seine Mutter Martha Frahm ist Verkäuferin. Seinen Vater, John Möller, ein sozialdemokratischer Lehrer, lernt Brandt nie kennen.

    Er wird von seinem Großvater, einem Arbeiter und SPD-Mitglied, großgezogen.

  • 1929

    Aktive Mitarbeit in der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) Lübecks.

  • 1930

    Auf Vorschlag des Lübecker Reichstagsabgeordneten Julius Leber wird Brandt in die SPD aufgenommen.

  • 1931

    Nach Gründung der "Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands" (SAPD), einer Linksabspaltung der SPD, tritt Frahm über und wird Vorsitzender des Lübecker Jugendverbandes der SAPD.

  • 1932

    Nach dem Abitur am Lübecker Reformgymnasium Johanneum beginnt Frahm ein Volontariat bei einer Lübecker Schiffsmaklerei.

  • 1933

    Flucht vor nationalsozialistischer Verfolgung über Dänemark nach Norwegen. Herbert Frahm nennt sich fortan Willy Brandt.

    Studium der Geschichte in Oslo.

    Journalistische Tätigkeit und Mitarbeit in der Exilarbeit der SAPD.

  • 1936

    Im Auftrag der SAPD-Auslandsleitung geht Brandt, getarnt als norwegischer Student nach Berlin und reorganisiert die dortige Untergrundgruppe der Partei.

  • 1937

    Als politischer Beobachter und Journalist reist Brandt nach Spanien, um auf Seiten der Republikaner über den Spanischen Bürgerkrieg zu berichten.

  • 1938

    In Folge der Ausbürgerung durch die Nationalsozialisten ist Brandt zunächst ein "Staatenloser".

  • 1940

    Nach der Besetzung Norwegens durch deutsche Truppen gerät Brandt vorübergehend in deutsche Kriegsgefangenschaft, ohne als Deutscher erkannt zu werden.

    Anschließend setzt er sich nach Stockholm ab und arbeitet dort als Journalist.

    Von der norwegischen Exilregierung erhält er die norwegische Staatsbürgerschaft.

  • 1941

    Heirat mit der Norwegerin Carlota Thorkildsen. Aus der Ehe geht eine Tochter hervor.

  • 1942-1945

    Zusammen mit führenden Vertretern der europäischen Sozialdemokratie wird er in der "Kleine Internationale" tätig und tritt wieder der SPD bei.

  • 1944

    Brandt wird Mitglied der "Landesgruppe Deutscher Sozialdemokraten" in Schweden.

  • 1945-1946

    Als Korrespondent skandinavischer Zeitungen in Deutschland berichtet er über die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse.

  • 1947

    Brandt wird Presseattaché der norwegischen Militärmission in Berlin.

  • 1948

    1. Juli: Brandt erhält die deutsche Staatsbürgerschaft zurück und führt sein Pseudonym "Brandt" fortan als amtlichen Namen.

    Vertreter des SPD-Parteivorstandes in Berlin.

    Nach seiner Scheidung von Carlota Thorkildsen heiratet Brandt die Norwegerin Rut Hansen (1920-2006). Aus der Ehe gehen die Söhne Peter (geb. 1948), Lars (geb. 1951) und Mathias (geb. 1961) hervor.

    Die Ehe wird 1980 geschieden.

  • 1948-1949

    Während und nach der Berlin-Blockade arbeitet er eng mit dem Regierenden Bürgermeister von West-Berlin, Ernst Reuter, zusammen.

  • 1949-1957

    Mitglied des Deutschen Bundestages.

  • 1955-1957

    Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses.

  • 1957-1966

    Regierender Bürgermeister von Berlin.

  • 1957/58

    Vorsitzender des Bundesrats.

  • 1958

    Wahl zum Landesvorsitzenden der Berliner SPD und Mitglied des Bundesvorstands der SPD.

    Mit Ausbruch der Berlin-Krise etabliert er sich politisch als "standfester Vorkämpfer demokratischer Freiheit" und gewinnt damit im westlichen Ausland große Sympathien.

  • 1961

    Sozialdemokratischer Kanzlerkandidat gegen Konrad Adenauer.

  • 1961-1963

    Gemeinsam mit Egon Bahr, dem Leiter des Berliner Presse- und Informationsamtes, entwickelt Brandt außenpolitische Leitgedanken, die unter den Titeln "Politik der kleinen Schritte" und "Wandel durch Annäherung" veröffentlicht werden und die Basis für seine spätere Neue Ostpolitik bilden.

  • 1964-1987

    Parteivorsitzender der SPD.

  • 1965-1992

    Mitglied des Deutschen Bundestages.

  • 1965

    Sozialdemokratischer Kanzlerkandidat gegen Ludwig Erhard.

  • 1966-1969

    Bundesminister des Auswärtigen und Vizekanzler in der Großen Koalition unter Kurt Georg Kiesinger.

    Brandt handelt das deutsch-französische Truppenabkommen aus, plädiert für den Beitritt der Bundesrepublik zum Atomwaffensperrvertrag und unterstützt den Beitrittswunsch Großbritanniens zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG).

    In der Ostpolitik führt er die von seinem Amtsvorgänger Gerhard Schröder (CDU) (1910-1989) vorsichtig begonnene Politik der normalen Beziehungen mit den Ostblockländern zügig und systematisch fort. Unter Ablehnung der Hallstein-Doktrin setzt er die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Rumänien und Jugoslawien und die Einrichtung von Handelsvertretungen in Polen, der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik (CSSR) und Ungarn durch.

    Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings durch die Warschauer-Pakt-Staaten erhält Brandt große internationale Anerkennung durch seine deutliche Absage an Gewalt und Drohung als Mittel der Politik auf der Genfer Konferenz der nicht-nuklearen Mächte (3. September 1968) und der UNESCO-Generalkonferenz am 6. November 1968 in Paris.

  • 1969

    Nach den Bundestagswahlen schließen SPD und FDP eine sozial-liberale Koalition mit Willy Brandt als Bundeskanzler und Walter Scheel als Vize-Kanzler und Außenminister.

    28. Oktober: In seiner Regierungserklärung verweist Brandt auf die Existenz zweier deutscher Staaten, die "füreinander aber nicht Ausland seien" und gibt die Umwandlung des Ministeriums für Gesamtdeutsche Fragen in Ministerium für innerdeutsche Beziehungen bekannt.

  • 1970

    19. März: Treffen mit dem DDR-Ministerratsvorsitzenden Willi Stoph in Erfurt.

    21. Mai: Treffen mit dem DDR-Ministerratsvorsitzenden Willi Stoph in Kassel.

    Beide Innerdeutschen Gipfel zeugen von einem gewandelten deutsch-deutschen Gesprächsklima, das die Basis für eine Normalisierung des deutsch-deutschen Verhältnisses bietet.

    12. August: Unterzeichnung des Moskauer Vertrages.

    7. Dezember: Unterzeichnung des Warschauer Vertrages zur Normalisierung der wechselseitigen Beziehungen.

    Mit seinem Kniefall vor dem Ehrenmal des jüdischen Ghettos in Warschau leistet er als Repräsentant des "anderen" Deutschland stumme Abbitte für die von Deutschen und im Namen Deutschlands verübten Greuel während des "Dritten Reiches".

    Das amerikanische Nachrichtenmagazin "Time" wählt Brandt zum Mann des Jahres.

  • 1971

    10. Dezember: Auszeichnung mit dem Friedensnobelpreis für seine Entspannungs- und Ostpolitik.

    Im Bundestag bleiben die Ostverträge dennoch Gegenstand harter politischer Auseinandersetzungen zwischen Regierung und Opposition.

  • 1972

    27. April: Das Konstruktive Misstrauensvotum der CDU/CSU gegen Brandt scheitert im Bundestag.

    19. November: Bei den Bundestagswahlen erringt die SPD erstmals die Mehrheit der Sitze. Brandt bleibt Kanzler einer SPD/FDP-Koalition.

    21. Dezember: Die Staatssekretäre Egon Bahr (Bundesrepublik Deutschland) und Michael Kohl (Deutsche Demokratische Republik) unterzeichnen in Ost-Berlin den Grundlagenvertrag zwischen beiden deutschen Staaten, der die Beziehungen untereinander vereinfachen soll. Der Vertrag bedeutet jedoch keine völkerrechtliche Anerkennung der DDR.

  • 1973

    7. Juni: Als erster deutscher Bundeskanzler reist Brandt nach Israel.

    26. September: Brandt spricht als erster deutscher Bundeskanzler vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York.

    11. Dezember: Unterzeichnung des Prager Vertrags über die Normalisierung der wechselseitigen Beziehungen.

  • 1974

    6. Mai: Überraschender Rücktritt Brandts als Bundeskanzler nach der Agentenaffäre um den DDR-Spion Günter Guillaume. In seinem Rücktrittsschreiben erklärt Brandt, er übernehme damit die Verantwortung "für Fahrlässigkeiten" im Zusammenhang mit der Affäre und betont, dass ein Kanzler nicht "erpressbar" sein dürfe - dies war ein Hinweis auf zur Privatsphäre gehörende Angelegenheiten, in die Guillaume Einblick hatte.

  • 1976-1992

    Präsident der Sozialistischen Internationale (SI).

  • 1977

    Vorsitzender der "Unabhängigen Kommission für internationale Entwicklungsfragen", der sogenannten Nord-Süd-Kommission.

  • 1978

    Als SI-Vorsitzender unterstützt er die Bemühungen um eine Lösung des Nahostkonflikts und legt gemeinsam mit dem österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky (1911-1990) einen Friedensplan vor. Der Plan stellt einen Vermittlungsversuch zwischen dem israelischen Sicherheitsbedürfnis und den seitens der arabischen Länder von Israel geforderten Territorialzugeständnissen dar.

  • 1979

    Juli: Teilnahme an dem umstrittenen Gespräch zwischen Kreisky und PLO-Chef Arafat (1929-2004) zur Lösung des Nahostkonflikts.

  • 1979-1983

    Mitglied des Europäischen Parlaments.

  • 1980

    Februar: Präsentation des Berichts "Das Überleben sichern" der Unabhängigen Kommission für internationale Entwicklungsfragen in New York.

  • 1981

    Bei einem Besuch in Moskau erörtert Brandt mit dem sowjetischen Staats- und Parteichef Breschnew Rüstungskontrollfragen.

  • 1983

    Februar: Vorstellung des zweiten Berichts der Unabhängigen Kommission für internationale Entwicklungsfragen unter dem Titel "Hilfe in der Weltkrise".

    Dezember: Brandt heiratet seine langjährige Assistentin Brigitte Seebacher (geb. 1946).

  • 1984

    Auszeichnung mit dem Dritte-Welt-Preis in New York.

  • 1985

    In Washington erhält Brandt den Albert-Einstein-Friedenspreis.

    In Moskau trifft er erstmals mit dem kommunistischen Reformpolitiker Michail Gorbatschow zusammen.

  • 1986

    Brandt gründet die "Stiftung Entwicklung und Frieden".

  • 1987

    Nach parteiinternen Querelen um die von ihm vorgeschlagene Pressesprecherin Margarita Mathiopoulos (geb. 1957) erklärt Brandt nach 23-jähriger Amtszeit seinen Rücktritt als Parteivorsitzender.

    Wahl zum Ehrenvorsitzenden der SPD.

  • 1989

    Januar: Bundespräsident Richard von Weizsäcker gibt anlässlich Brandts 75. Geburtstag einen großen Empfang, zu dem auch zahlreiche ausländische Politiker, Staats- und Regierungschefs geladen sind.

    10. November: Nach dem Fall der Mauer hält Brandt auf einer Freudenkundgebung eine Rede vor dem Schöneberger Rathaus in West-Berlin.

    Veröffentlichung seiner "Erinnerungen", in denen Brandt eine Bilanz seines politischen Lebens zieht.

  • 1990

    November: In persönlichen Gesprächen mit dem irakischen Präsidenten Saddam Hussein erreicht Brandt die Ausreise von 193 im Irak als Geiseln festgehaltenen Ausländern aus dem kriegsbedrohten Land.

    20. Dezember: Als Alterspräsident eröffnet Brandt im Berliner Reichstagsgebäude die Sitzung des ersten gesamtdeutschen Bundestages.

  • 1991

    Auf Antrag Willy Brandts spricht sich der Bundestag mit 338 zu 320 Stimmen für Berlin als neuen Regierungssitz aus.

  • 1992

    8. Oktober: Willy Brandt stirbt in Unkel bei Bonn.

    Im Berliner Reichstagsgebäude wird er mit einem feierlichen Staatsakt geehrt und anschließend auf dem Waldfriedhof in Berlin-Zehlendorf beigesetzt. Dem Staatsakt wohnen mehr als tausend Trauergäste aus aller Welt bei, darunter zahlreiche Staatsoberhäupter und Regierungschefs.

 

(db/iz/reh/lb) © Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland
Stand: 12.02.2016
Text: CC BY NC SA 4.0

Empfohlene Zitierweise:
Blume, Dorlis/Haunhorst, Regina/Lepper-Binnewerg, Antoinette/Zündorf, Irmgard: Biografie Willy Brandt, in: LeMO-Biografien, Lebendiges Museum Online, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland,
URL: http://www.hdg.de/lemo/biografie/willy-brandt.html
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