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Alfred Hans Keffel: Das Soldatengrab meines Vaters

Dieser Beitrag wurde von Alfred Keffel (*1941) im Dezember 2002 verfasst und im April 2014 überarbeitet.

Das Soldatengrab meines Vaters

57 Jahre danach, Soldatengrab in Polen gefunden

Am 29.10.2002, 57 Jahre danach, ist das Soldatengrab meines Vaters, Alfred Harry Keffel, geboren 1913 und gefallen 1945 in Polen, gefunden worden. Eine unwahrscheinliche Geschichte in Zusammenarbeit mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

Im Zweiten Weltkrieg gab es bei allen Beteiligten ca. 65 Millionen Tote, davon 4 Millionen deutsche Soldaten, (7 Millionen, inkl. Zivilbevölkerung). In Polen sind im 2. Weltkrieg ca. 485 000 deutsche Soldaten gefallen. Davon sind 108.000 Gebeine auf verschiedene Soldatenfriedhöfe umgebettet worden. Wie soll man da das Grab eines Einzelnen unter den unbekannten 387 000 in polnischer Erde irgendwo Ruhenden oder im Ungewissen Verlorenen finden, 57 Jahre danach?

Mit der nötigen Motivation. Mit fleißiger Arbeit, Freunden und zugeführter Hilfe. Und in Zusammenarbeit mit dem Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK).

Die Todesnachricht 1945 nennt die Tatsache:

Gefallen am 14.1.1945 südlich von Zwolen. "Wegen der Heftigkeit der Kämpfe konnten die sterblichen Überreste nicht geborgen werden", so schrieb am 30.1.1945 die Dienststelle der Einheit, längst ca. 200 km weiter westlich des Todesortes. Dies ist verwunderlich angesichts des uns später bekannt gewordenen Durcheinanders in den Januartagen 1945. Welch eine Ordnung im Chaos, welch Kameradschaftstreue im Verlust!

Die "Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen Wehrmacht", Berlin, (WASt genannt, Wehrmachtsauskunftsstelle) gibt bei einer amtlichen Feststellung 1946 an: Todesort: Jasieniec-Solecki; Grablage: unbekannt.

Zur Motivation der Grabsuche

Mit diesen beiden Meldungen mussten wir, meine Mutter, Schwester und ich leben und konnten damit über Jahrzehnte keine Vorstellung über den Verbleib des Gefallenen verbinden. Sicher, ich fand im Atlas das Städtchen Zwolen, ca. 100 km südlich von Warschau, nahe zur Stadt Pulawy an der Weichsel, mehr wusste ich 1965, als ich noch in Heidelberg studierte, nicht. Das Soldatenbild meines Vaters, den ich nicht kannte, schaute mich in der Wohnung meiner Mutter an. -Nach ihm fragte ich. Unzählige Photos meines Vaters, vom Kleinkind bis zum Soldaten 1944 betrachtete ich. -Oft. Ich wollte ihn finden -einmal mit ihm reden-.

Wir, Mutter und Schwester, wollten ihn finden. Wir wollten Ruhe finden. Dies war eine Motivation. Einem gefallenen Angehörigen eine würdige Stätte des Gedenkens zu schaffen war eine weitere Motivation. Menschenwürde und Pietät sollten als Licht über die Vergänglichkeit leuchten- für alle Betroffenen.

Kriegsgräber mahnen zum Frieden und sie sind Ausgangspunkt zur Verständigung zwischen den Völkern. Das ist meine weitere Motivation. Frieden gewinnen aus Leid, gemeinsam getragenes Leid verbindet zu neuen friedensstiftenden Sichtweisen und Handeln.

Die gegenwärtigen Rahmenbedingungen

Zwischen Polen und Deutschland gab es noch kein Kriegsgräberabkommen. Die Vorbereitungen hierzu sind jedoch getroffen, eingeleitet durch den Staatsbesuch von Bundeskanzler Helmut Kohl in Polen 1989. Am 08.12.2003 wurde ein solches geschaffen; es trat am 19.01.2005 in Kraft. Die gemeinsame Erklärung von 1989 mit dem damaligen polnischen Ministerpräsidenten Mazowiecki lautete: Beide Seiten stimmen darin überein, dass die Möglichkeit, Gräber der Toten der Kriege aufzusuchen, zu erhalten und zu pflegen, eine ausschlaggebende, weil die Gefühle der Menschen unmittelbar berührende Bedeutung hat. Sie nehmen deshalb mit besonderer Befriedigung zur Kenntnis, dass die beiderseitigen Rot-Kreuz-Gesellschaften unter Beteiligung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge und des Ministeriums für Raumordnung und Bauwesen der Volksrepublik Polen dazu inzwischen Kontakte aufgenommen haben und die Gründung einer Arbeitsgruppe beabsichtigen. Sie werden diese Zusammenarbeit fördern".

Diese gemeinsame Arbeitsgruppe ist erstmals 1990 zusammengetreten. Von Bedeutung war für diese Frage weiter:

-der deutsch-polnischen Freundschaftsvertrag von 1991 und

-die Einrichtung einer deutsch-polnischen Kommission zur Schaffung eines Kriegsgräberabkommens in

der "Braunschweiger Resolution" vom 7. Mai 1991.

Am 17.3.1994 wurde die Stiftung "Fundacja Pamiec Odpowiedzialnosc i Przyszlosc" ("Stiftung zum Schutz des Gedenkens an Kampf und Martyrium") in Warschau gegründet. Seither gibt es eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen dem VDK und der vergleichbaren polnischen Organisation Fundacja Pamiec (In Polen wurden 12 Sammelfriedhöfe für gefallene deutsche Soldaten errichtet, u.a. in Bartendorf (Bartosze/Elk), Groß Nädlitz (Nadolice-Wielkie), Joachimow-Mogily, Krakau, (Krakow), Laurahütte (Siemianowice), Mlawka, Modlin, Neumark (Stare Czarnowo) / Stettin (Szczecin), Posen (Poznan), Przemysl, Pulawy, und in Warschau (Warszawa); weitere Soldatenfriedhöfe sind in Vorbereitung. Das jeweilige Gelände für die deutschen Soldatenfriedhöfe wurde durch die polnische Regierung zur Verfügung gestellt, Ausbau und Pflege obliegt dem VDK.

Fleißige Arbeit, gute Freunde, zugeführte Hilfe

Seit 1997 habe ich mit dem Volksbund Kontakt aufgenommen wegen der Suche nach der Grablege meines Vaters. In einer ersten Mitteilung antwortete der VDK aufgrund der Aktenlage: "Für die in Jasieniec-Solecki bestatteten Soldaten sind keine Grablagen verzeichnet. Es ist anzunehmen, dass diese aufgrund der damaligen Kampfumstände nicht mehr geborgen werden konnten und in heute oberirdisch nicht mehr zu bergenden Feld- oder Kameradengräbern ruhen" (19.1.1998).

Die vornehme Aufgabe des Volksbundes sei es, bekannte kleinere Sammelgrabanlagen in geordnete Soldatenfriedhöfe umzubetten. Es war nun meine Aufgabe, privat Recherchen anzustellen. Hierzu leistete mein Cousin, Oberstleutnant a.D. der Bundeswehr, die wesentlichen Voraussetzungen. Er zielte mit seinen Recherchen auf eine möglichst genaue Erfassung der Ereignisse um den 14. Januar 1945, an denen mein Vater beteiligt war. Hierfür war es nötig, noch lebende Kameraden der gleichen Einheit zu finden, oder wenigstens deren Hinterbliebene.

Der allgemeine militärgeschichtliche Ablauf jener Tage ist sehr genau zusammengestellt in dem Buch von Heinz Magenheimer: Abwehrschlacht an der Weichsel 1945, Rombach- Verl. FB 1986 2 (ed. Militärgesch. Forschungsamt), die Gliederung der Division bis zu den Einheiten und Zügen wurde in dem Buch von August Schmidt: Geschichte der 10. Division, 10.Infanterie-Division (mot), 10. Panzer-Grenadier-Division 1933-1945, Podzun -Verl. Bad Nauheim 1963 gefunden. Aufgrund der Angaben in diesen beiden Büchern galt es, Personen ausfindig zu machen, die am 14.1.1945 in der Einheit meines Vaters oder vorher in seinem Umfeld waren.

Angefragt wurden:

-der Suchdienst des Roten Kreuzes,

-die bereits erwähnte Deutsche Dienststelle in Berlin, WASt genannt,

-das Militärarchiv im Bundesarchiv Freiburg,

-das Militärgeschichtliche Forschungsamt in Potsdam,

-das Krankenbuchlager im Zentralarchiv des Bundessozialamtes Wien,

-div. Einwohnermeldeämter,

-div. Soldatenverbände und Soldatenzeitungen.

Letztendlich konnte mein Cousin nach Auswertung der jeweiligen Angaben 150 Einzelpersonen anschreiben, von denen 30 antworteten. Hierunter gab es von 2 Witwen wesentliche Hinweise für unser Vorhaben, da sie uns die Lebenserinnerungen ihrer erst 3 Jahre (1998) vorher verstorbenen Männer überließen, des damaligen 1a Majors i.G. Dr. Wolfgang Schall, später Brigadegeneral der Bundeswehr, und des damaligen Leutnants Käs aus derselben Einheit. Im Februar 2001 waren die Archivarbeiten abgeschlossen. Sie füllen 2 Leitzordner. Wir wussten sehr viel, aber leider nicht den Ort, an dem wir suchen sollten; das Gefechtsfeld des Zuges jener Einheit erstreckte sich auf ca. 3 x 3 km.

Wir hatten nun als Ergebnis:

Mein Vater wurde in den frühen Nachmittagsstunden mit weiteren 3 Soldaten in gleicher Weise durch Splitter einer Granate verwundet und bei Jasieniec-Solecki / Zwolen, ca.100 km südlich von Warschau, getötet. Sie gehörten derselben 3. Kompanie an und bedienten eine Panzerabwehrkanone (PAK). Deren Angehörige haben wir gefunden und auch die jeweiligen Erkennungsmarken registriert. Es gab an jenem Tag von der Division, die als "Gruppe Vial" (benannt nach dem Kommandeur Oberst Alexander Vial), einer besonderen Eingreiftruppe, die mit 3 - 4000 Mann fungierte, "nur einige wenige Verluste". Die Mitteilungen von 1945 und 1946 waren verifiziert.

Ich konnte es nicht dabei bewenden lassen.

Es wurde klar, dass wir nun auf Zeitzeugen in Polen angewiesen sein würden, um bislang unbekannte denkbare Grablegen deutscher Soldaten in der Umgebung des damaligen Kampfgeschehens zu finden und deren Angaben mithilfe des VDK zu überprüfen. Dankenswerterweise hat mir dessen Leiter für den Gräbernachweis in Polen zu dieser Einzelrecherche die Unterstützung zugesagt und die Maßnahme als vorrangig zu behandeln eingestuft.

Ab März 2001 suchte ich Kontakte zu den staatlichen und kommunalen Behörden und den Pfarrämtern der Region aufzubauen, um dort mein Anliegen vertraut und unterstützenswert zu machen. Ich kam mir vor wie ein Pfadfinder, Spuren erkennen und auswerten. Die Kontakte liefen von Neustadt aus über

-den Oberbürgermeister der Stadt, Dr. Weiler, und seinen Öffentlichkeitsreferenten Günther,

-den Vorsitzenden des Volksbundes, Bezirksverband Rheinland-Pfalz, Dr. Schädler, Regierungspräsident a.D.,

-MdB R. Brüderle,

-Innenminister Zuber, Mainz,

-das Bischöfliche Ordinariat Speyer,

-das Gustav-Adolf-Werk der EKD Kassel

-und den Staatssekretär Rüter, Chef der Staatskanzlei, Mainz.

Von wesentlicher Bedeutung war sein Hinweis auf eine Partnerschaft zwischen Göllheim, Landkreis Kirchheimbolanden und der Stadt Kozienice, die mit etwa 35 000 Einwohnern ca. 30 km nördlich unseres Suchgebietes liegt. Mit dem dortigen Referenten für Stadtentwicklung und Kultur, Herrn Zielinski, fand ich die erhoffte verständnisvolle Vertretung meines Anliegens. Er hatte in Deutschland studiert und spricht also fließend deutsch. Er war mehrfach zu den Partnerschaftsbesuchen in der Pfalz. Er wurde zum Botschafter meiner Suche bei den Behörden und zum Hermeneuten bei Einzelpersonen.

Weitere Kontakte habe ich hergestellt zu:

-den kirchlichen Stellen von den beiden Diözesen Sandomierz und Radom, einer Bezirkshauptstadt mit 250 000 Einwohnern,

-zu den Pfarrämtern der angefragten Ortspfarreien im Umkreis von Zwolen, besonders Jasieniec-Solecki.

-zu den Kommunalverwaltungen in Zwolen und von da im Oktober zum Sóltys (Ortsvorsteher) von Karolin.

An Weihnachten 2001 wurde in den Gottesdiensten mein Aufruf zur Suche nach einer Grablege im Raum Zwolen bekannt gemacht. Im Januar 2002 teilte mir dann der Referent Zielinski mit, dass sich Zeitzeugen beim Pfarrer von Jasieniec-Solecki, dem behördlich angegebenen Todesort meines Vaters, gemeldet hätten und dass dieser Pfarrer die benannten denkbaren Grablegen deutscher Soldaten an die Gemeindeverwaltung der Stadt Zwolen weitergegeben habe.

Erste zu realisierende Hinweise

Der Name des zur Grablege nächstgelegen westlichen Ortes Karolin mit ca. 250 Einwohnern, war identisch mit dem, den mein Cousin aufgrund seiner militärgeschichtlichen Recherchen als den wahrscheinlichsten für das Kampfgeschehen am 14.1.1945 ausgemacht hatte. Dies war dank der genauen Geländebeschreibungen in den beiden bereits erwähnten Lebenserinnerungen möglich.

Nun war der Entschluss rasch gefasst: Wir fahren zum Ereignisort nach Polen! 1200 km in zwei Tagen, bleiben dort drei Tage zur Überprüfung der "heißen Spur" und reden mit Zeitzeugen. Eine Terminvereinbarung mit dem Umbettungsdienst des Volksbundes wurde auf Anfang August 2002 getroffen, damit die erforderlichen Genehmigungen zur Sondierung und ähnliche Vorbereitungen getroffen werden konnten.

Ich konnte mithilfe der WASt noch Ausschlüsse anderer denkbarer Fundstellen abklären, sichtete das Gedenkbuch vom Soldatenfriedhof Pulawy, der von Zwolen nur 20 km entfernt, im Oktober 2000 eingerichtet wurde. 12.000 Namen wurden auf Angehörige derselben Division hin gefiltert, der mein Vater angehörte und die in der fraglichen Zeit ab 12. Januar gefallen wären.

Einen Kameraden fand ich unter den 12 000 Namen, der 2 Tage nach meinem Vater gefallen war. Wir nahmen Kontakt zu dessen Schwestern auf, tauschten Erinnerungen und Photos aus. Ein Schwager dieses Gefallenen war mit Konrad Adenauer im September 1955 als Dolmetscher in Moskau, mit dem erreichten Ziel, den Kriegsgefangenen aus Russland eine Heimkehr zu ermöglichen.

Ich besorgte vom topographischen Institut Berlin eine Messtischkarte 1:25.000, die alte Wehrmachtskarte 1:100 000 von 1944 erwies sich als ungeeignet für unsere Detailsuche, zugleich besuchte ich drei mal 2 Wochen lang einen Polnisch-Sprachkurs bei der Volkshochschule Haßloch, um mich als Reisender etwas verständigen zu können, dennoch bat ich schließlich einen sehr gut polnisch sprechenden Freund aus Bad Bergzabern, uns zu begleiten, und die Dolmetscheraufgaben wahrzunehmen.

So fuhren wir drei im August 2002 mit meinem PKW von Neustadt über Dresden, Breslau und Radom nach Zwolen. Über die Reiseerlebnisse möchte ich mich hier nicht verweilen, gleichwohl anmerken, dass wir ohne jegliche Probleme alles in bester Erinnerung behalten werden. Das Gleiche gilt für die weiteren Reise in den Folgejahren. Wir wohnten in Kozienice, jener Stadt, die zu Göllheim / Kirchheimbolanden eine Partnerschaft unterhält, dort also im Pensjonat einer städt. Freizeit- und Erholungsanlage. Täglich fuhren wir die ca. 30 km zum Ereignisort.

Am ersten Tag Mo. 05.08.2002

besuchten wir den Soldatenfriedhof Pulawy an der Weichsel, errichteten an einem für eine mögliche Umbettung vorgesehenen Platz ein Holzkreuz für meinen Vater und den Kameraden, dessen Namen ich im Gedenkbuch Pulawy ausfindig machen konnte. Ich hielt eine kurze besinnliche Gedenkfeier, ähnlich gestaltet zu der, die am Volkstrauertag üblich ist. Wir unternahmen eine Vorfahrt zu den bislang bekannten Orten und nahmen Einschätzungen wahr. Am Abend kam der Leiter für die Ausgrabungen des Volksbundes, Hartmut Mehnert, aus Warschau. Wir besprachen die Vorgehensweise.

Zweiter Tag Di. 06.08.2002

Um 11 Uhr besuchten wir in Begleitung des Stadtreferenten aus Kozienice, Andrzej Zielinski, die Stadtverwaltung von Zwolen, dort gab es einen freundlichen Empfang durch die Herren W. Kabus, J. Nowakowski und P. Wajs. Der stellvertretende Bürgermeister Kabus bekräftigte, dass unser Vorhaben aus humanitären Gründen für ihn und die Mitarbeiter eine hohe Verpflichtung sei. Sehr gezielt brachte er uns mit dem Sekretär Nowakowski und dem Stadtreferenten Wajs an eine Höhe bei Jasieniec-Solecki, 7,5 km südlich von Zwolen; so war sie auch in den Lebenserinnerungen der beiden damaligen Offiziere beschrieben worden war. Es wurden uns zwei denkbare Begrabungsorte in Erdmulden gezeigt.

Eine dritte von Zeitzeugen der Umgebung benannte Stelle lag 4 km weiter östlich. Diese wurde vom Volksbund für eine spätere Ausgrabung erfasst, für unser Vorhaben ausgegrenzt, da jene bereits im Geschehen einer anderen Division lag (214. Inf.Div). Der Leiter des Volksbundes bestellte sein Sondierungs-Team mit 3 Mitarbeitern für den nächsten Tag.

Dritter Tag Mi.07.08.2002

Nach dem Frühstück wurden die Sondierungen durch den Volksbund durchgeführt. Die beiden zuerst von dem Stadtsekretär gezeigten Stellen wurden angegangen. Der Metalldetektor wies auf die Stelle für die ersten Spatenstiche. Gleich danach hielt ich einen Granatsplitter russischer Herkunft (88 mm Mörsergranate) in der Hand. Insgesamt wurden mehr als 10 Sondierungsgrabungen vorgenommen, jedoch kein Grab gefunden, da nur fester, gewachsener Boden angetroffen wurde. Wo finden wir die Gefallenen? Gleichzeitig wurden weiter denkbare Stellungen für Panzerabwehrkanonen kartographisch aufgezeichnet.

Die Arbeiten des Volksbundes wurden von einem Pilzsammler aus der benachbarten Siedlung beobachtet. Unser Dolmetscher konnte das Gespräch mit ihm aufnehmen, und wir wurden zu zwei weiteren Erdmulden geführt. Diese waren mit Munitionsschrott gefüllt.

Plötzlich hielt mein Cousin eine scharfe russische Granate in der Hand. Die wurde wieder, in Sand gebettet, vergraben. Wir mussten dessentwegen die Sondierungsarbeiten abbrechen. Der Leiter des VDK - Teams erklärte, dass erst nach einer Räumung durch das polnische Militär weitergearbeitet werden könne.

Das Gelände, eine leicht ansteigende Höhe, war als Stellung für Panzerabwehrkanonen bestens geeignet. Der Höhenrücken beginnt an der Nationalstraße 79 bei 131 m und steigt in 3 - 4 km auf 206 m an. Damals war dieser Höhenrücken nicht mit hohen Bäumen bewachsen.

Wir überprüften die Angaben aus den beiden Lebenserinnerungen und erkannten, dass an dieser Höhe mein Vater mit seinen 3 Kameraden gefallen sein musste. Gegen 15.30 h kam ein Angler zu uns, und wieder hat unser Dolmetscher aus der Pfalz einen wichtigen Hinweis erhalten. Er meinte, hier seien keine begrabenen deutschen Soldaten zu finden, er wisse von seinem Großvater, dass auf Anordnung des Bürgermeisters die Soldaten auf einem Leiterwagen weggebracht wurden und er zeigte nach Westen. Der Todesort war also nicht der Fundort für die Grablege.

Die Sondierungsarbeiten wurden vertagt auf einen offenen Termin nach der Räumung des Geländes, um evtl. weitere Hinweise zu erhalten. Wir machten eine Erholungspause an einem Kiosk. Dort kam auf uns ein etwa 75-jähriger Pole zu, er verstand etwas deutsch und sprach uns an. Wieder legte ihm unser Dolmetscher dar, dass wir nach begrabenen deutschen Soldaten in der näheren Umgebung suchten. Er wisse von einem Acker seines Neffen, auf dem deutsche Soldaten begraben lägen, erklärte er.

In meinem Auto fuhren wir zum Bauernhof und wurden zunächst mit einem "nie wiem" (ich weiß nichts) beschieden. Auch die über 80-jährige Mutter des Bauern sagte "nie wiem", sie sei während des Krieges nicht da gewesen und ihr Mann wäre schon tot.

Beklemmende Enttäuschung und trotzige Hoffnung empfand ich. Mein Dolmetscher sprach mit dem Bauern unter vier Augen, der uns dann einlud, später noch einmal ohne seinen Onkel zu kommen. Er möchte nicht, dass von diesem im Dorf etwas über die Sache erzählt werden könne. Wir brachten unseren Zeitzeugen an den Kiosk zu seinem abgestellten Fahrrad zurück, bedankten uns mit einem Trinkgeld. Als wir im Oktober wieder zu dem Bauern mit dem Begräbnisacker kamen, war dieser Zeitzeuge verstorben, so erzählte seine alte Schwester. Er und der Angler wurden uns "zugeführt". Nun wussten wir mehr. Der Begrabungsort war ca 4 km westlich und von da ca 2 km nordöstlich entfernt zum Todesort auf ebenem Feld nördlich der Anhöhe.

Nach einer Fahrt weitere 7 km nach Süden, wohin sich am 14.1.1945 das Gefechtsfeld verlagert hatte, kehrten wir zu dem Bauern zurück. Der zeigte uns den Begräbnisacker, er habe den Acker nach dem Krieg gekauft, wir ließen uns die Adresse des Vorbesitzers geben. Die alte Mutter des Bauern erzählte, gleich dem Angler vom Nachmittag, dass auf einem Pferdewagen die deutschen Soldaten gebracht worden waren, der Bürgermeister habe es so gewollt.

Am vierten Tag 08.08.2002

nahm der Volksbund Vermessungen des Ackers zu der vom Bauern gezeigten Stelle für eine wahrscheinliche Grablege von ca. 9 deutschen Soldaten vor, wie es der Bauer einschätzte. Danach verabschiedete sich das Team des Volksbundes mit dem erklärten nächsten Arbeitsvorhaben:

-die anfänglich gezeigten PAK - Stellungen auf dem Höhenrücken werden erst nach Räumung der scharfen Munition aufgegraben,

-der Acker des Bauern jedoch noch vor dem November 2002. Der Bauer willigte ein. Die Wintersaat wolle er erst danach ausbringen.

Wir drei fuhren in den Ort Karolin, durch den der Pferdewagen gekommen sein soll, und besuchten die alten Vorbesitzer des Begräbnisackers. Da sie erst später nach dem Krieg auf den Hof zurückgekehrt waren, erfuhren wir keine Einzelheiten zu den Ereignissen im Januar 1945. Sie verwiesen uns auf etwa 80-jährige Eheleute im Nachbarhaus, die etwas sagen könnten, sie seien während des Krieges im Dorf geblieben. Auch dort wurden wir freundlich aufgenommen, und die Frau erzählte, wie schrecklich laut der Kanonendonner bei jener Offensive vom Pulawy - Brückenkopf an der Weichsel von Osten her war, fügte hinzu: "Es war ja ein Sonntag". Auf die Frage nach dem Pferdewagen erklärte sie, sie habe ihn selbst gesehen, und sie zeigte die Richtung an, aus der jener Wagen gekommen war, es seien aber nur wenige gefallene Soldaten darauf gewesen.

Mit diesen Informationen fuhren wir nach Hause, besuchten davor noch die Orte die für die 10. Div. zeitlich vor dem 14.1.1945 relevant waren. Dort, ca. 40 km südlich von Radom hatten wir auch eindrucksvolle, sehr freundliche Begegnungen, jedoch ohne Bezug zu der Grabsuche. Ich sah die Kirche von Lipowe - Pole, in der mein Vater 1944 seine letzte Weihnachtsfeier erlebte. In einem Brief an meine Mutter vom 25.12.44 schrieb er dazu: "...das nächste Weihnachtsfest werden wir bestimmt gemeinsam verbringen". Am 12. Januar wurde seine Division zur zweiten Verteidigungslinie etwa 45 km vor die Weichsel hingeführt.

Nach der Rückkehr in die Pfalz gab es noch einige Sachklärungen und wir bereiteten die Reise für den Oktober 2002 zur Ausgrabung auf dem Acker vor. Die Reise selbst nahm einen ähnlich guten Verlauf wie die erste, nur blieben wir diesmal ohne Dolmetscher.

Zweite Fahrt zur Ausgrabung 26.10.-01.11.2002

mit höchster Dramatik und Erfolg

Etwa 2 Wochen vor Antritt der Fahrt hatte sich die ARD-Auslandskorrespondenz Warschau zu Aufnahmen der Aktion angesagt. Nach Zustimmung des VDK willigten auch wir ein. Mit der ARD-Korrespondentin, Annette Dittert, besprachen wir die Modalitäten für die Aufnahmen, die redaktionelle Bearbeitung und die Publikation. Wir kamen sehr gut überein. Diese Aufnahme-Arbeit begleitete uns angemessen, einfühlsam und pietätvoll.

Montag, 28.Oktober 2002, der fünfte Arbeitstag in Zwolen,

begann wieder im Bürgermeisteramt mit der Stadtspitze, ein Sekretär begleitete uns während des ersten Tages. Der Volksbund hatte einen "sensiblen" Bagger zum Acker gebracht.

An der vom Bauern zuerst gezeigten Stelle blieben die Grabungen ergebnislos, zwei weitere Versuche wurden an diesem Tag vergeblich unternommen. Ca. 50 m lange, 1 m breite Grabungen wurden ausgeführt bis der gewachsene Boden eindeutig war. Eine Grablage hätte lockeren Boden, deutlich über 120 cm Tiefe hinein. Während der Arbeiten fuhr ich mit dem Stadtsekretär von Zwolen und dem ARD-Team in die nächste Siedlung, Karolin; die Zeitzeugen erklärten dort nochmals vor dem Fernsehteam, was wir im August schon gehört hatten, anschließend begleitete uns der Ortsvorsteher des Dorfes in den Wald, um uns Begrabungsstellen deutscher Soldaten zu zeigen. Ein Mitarbeiter des Volksbundes bezeichnete die erste Stelle als bereits umgebettet. Zur zweiten Stelle konnte uns der Ortsschultheiß (Soltys) nicht bringen, da heftige Sturmschäden die Weiterfahrt blockierten. Während des Versuchs, mithilfe einer vom Schultheiß mitgeführten Motorsäge doch noch eine Durchfahrt zu schaffen, machte das ARD-Team Aufnahmen zum Themenfeld "Menschlichkeit in Europa". Die Motorsäge erwies sich als zu schwach, wir kehrten zurück. Die zweite vom Ortsvorsteher angesagte Stelle wurde am nächsten Tag aufgesucht, erwies sich aber nicht als bedeutsam für unser Unternehmen. Auf dem Begräbnisacker wurden wegen der bereits um 16.00 Uhr einbrechenden Dunkelheit die Arbeiten ohne Suchergebnis mit Enttäuschung beendet. Das ARD - Team machte im Bauernhaus noch Interviews zum Hergang der Grabsuche. Der Producer war Pole, sprach bestes Deutsch, da er in Berlin aufgewachsen war.

Dienstag, der sechste Tag 29.10.2002

wurde mit zögerlicher Zuversicht und unterdrückter Skepsis ob der uns immer geringer erscheinenden Erfolgsaussichten angegangen. -Wir kennen das ja und bezeichnen solche Unternehmen mit: "eine Stecknadel im Heuhaufen suchen". Es wurden weitere drei 50 m -Streifen vergeblich aufgebaggert. Währenddessen war ich mit dem Fernsehteam zum Soldatenfriedhof Pulawy, 20 km weiter gefahren. Dort wurden Aufnahmen und Interviews gemacht. Gegen 14.30 Uhr kehrten wir zurück, der Wind hatte nachgelassen, aber der Regen und die Kälte drangen durch die Kleidung. Die bisherigen Grabungen blieben ergebnislos. Es war eine Fläche von etwa 30 m x 50 m aufgegraben worden.

Wir zeigten uns gegenseitig bekümmerte Hilflosigkeit, sollte das Unternehmen nur unbedachte Waghalsigkeit gewesen sein? Der Leiter der Ausgrabungsarbeiten des Volksbundes, Mehnert, verabschiedete sich. Das ARD-Team interviewte einzelne Personen, u.a. meinen Cousin, den Stadtreferenten Zielinski aus Kozienice, der hoffnungsvolle Ermutigung zum Ausdruck brachte, den Bauern und seine Frau.

Völlig unerwartet kam aus dem Nachbarort Karolin ein Mann zum Acker; er erzählte davon, dass er 1945 als 15-jähriger Junge einen großen brennenden Strohhaufen auf diesem Acker gesehen habe, und die Erwachsenen hätten gesagt, genau da wären die deutschen Soldaten begraben, weil nach der Hitze des Feuers der Boden aufgetaut und so auch zur Begrabung geeignet gewesen sei.

Nachdem an diesem sechsten Tag bereits 3 lange Streifen gezogen worden waren, sollte noch ein letzter Versuch unternommen werden. Der Bagger setzte zur Fahrt an, der Bauer sprang behände auf und dirigierte den Fahrer an eine Stelle, die er vorher mit dem alten Zeitzeugen abgeschritten war. Sie liegt nur 10 m über die bisherige Ausgrabung hinaus verschoben.

Nach wenigen Grabungen, wurde der Bagger abgestellt. Da sagte ich: "Jetzt haben wir etwas gefunden". Der Bagger entfernte sich zu seinem Tieflaster beim Bauernhof. Das war eindeutig. Der polnische Handarbeiter des VDK begann mit feinen Grabungsgeräten den Fundort zu untersuchen. Um 15.00 h am 29. Oktober 2002 hielten wir ein Schädelfragment in Händen.

Um 15.30 h photographierte ich eine Goldkrone, die mir der polnische Mitarbeiter des Volksbundes zeigte; diese war auf einem frei liegenden Zahn, der neben einem Schädel lag; dieser Schädel wies im rechten Oberkiefer vor seiner hinteren Zerstörung noch einen Backenzahn mit Goldkrone auf. Mein Vater hatte 2 nebeneinander liegende Goldkronen im rechten Oberkiefer. Dieses körperliche Merkmal meines Vaters hatte ich bereits im Juli dem VDK mitgeteilt.

Bis zum Einbruch der Dunkelheit gegen 16.00 h wurden 5 Skelette freigelegt. Der polnische Mitarbeiter des VDK, er ist Jurist, sortierte mit Messinstrumenten die Gebeine sachgerecht. Weiterhin regnete es, der Himmel war bleiern mit dunkelblauen, schwarzen Wolken dramatisch behangen, nur an einer kleinen Stelle im Westen über dem Ort Karolin leuchtete ein pinkfarbenes Abendrot, golden umflort. Auch das war ein Motiv für das Fernsehteam. Die Skelette wurden nicht gefilmt, jedoch Interviews zum Fund mit dem Stadtreferenten Zielinski und anderen Person wurden von der ARD aufgenommen. Wir beendeten die Arbeiten um 16.00 Uhr wegen der eingebrochenen Dunkelheit. Im Bauernhaus wurden weitere Fernsehaufnahmen zum Tathergang am 14.1.1945 gemacht, Landkarten und Äußerungen der Bauernfamilie bildeten den atmosphärischen Hintergrund.

Mittwoch, der siebte Tag 30.10.2002

war von weiteren Ausgrabungen bestimmt. Um 15.30 Uhr war die Grablege gehoben. Wir fanden 18 gefallenen Soldaten, 11 Erkennungsmarken in Aluminium, jedoch keine aus Stahl, keinen Stahlhelm und keine Koppel, auch keine Waffen; gefunden wurden ein silbernen Siegelring und einige recht gut erhaltene Ledermäppchen für die Erkennungsmarken, aber keine Trauringe oder Lederstiefel, die beiden Goldkronen waren anscheinend unberührt.

Die Gefallenen waren jeweils zu dritt nebeneinander gelegt worden, in der nächsten Lage um 180° versetzt. Ich empfand die würdevolle Sorgfalt bei der damaligen Begrabung. Die Erkennungsmarken aus Aluminium stammten aus den letzten Jahren bis 1944. Sie waren zumeist sehr gut lesbar und wurden zur Dokumentation photographiert, -ein Gefallener war nur etwa 16/17 Jahre alt, was aufgrund des Zahnwuchses eines Weisheitszahns festgestellt wurde. Die Erkennungsmarken meines Vaters und der mit ihm gefallenen Kameraden wurden nicht gefunden.

Ein Protokoll des Volksbundes schloss diesen Tag gegen 16.00 Uhr. Die Arbeitsgruppen von VDK und ARD lösten sich auf. Nach der Rückfahrt am Folgetag, besuchte ich meine Mutter in Speyer. Sie nahm als 84-Jährige den Bericht mit bewegter Dankbarkeit auf. Später sah sie sich alle Photographien und die Aufnahmen der ARD an, "dann weiß ich, was er zuletzt noch gesehen hat", sagte sie gefasst und sehr entschlossen.

Die sieben Arbeitstage in Polen waren wertvoll, über die persönlichen Beziehungen hinaus. Die sterblichen Überreste wurden auf dem Deutschen Soldatenfriedhof in Pulawy im Herbst 2003 feierlich beigesetzt.

Bewertung am 1. November 2002

Aufgrund der körperlichen Indizien (Die beiden Goldkronen, und die ermittelte Körpergröße bei 3 von 18 Gebeinen) bin ich mir in sehr hohem Maß gewiss, dass bei den Ausgrabungen mein Vater gefunden wurde. Eine DNA-Analyse des Oberkiefers mit der Goldkrone wird letzte völlige Klarheit herstellen. Selbst wenn diese negativ ausginge, bliebe die hohe Gewissheit, da aufgrund des militärischen Zusammenhangs am 14. 1. 1945 keine anderen Indizien gefunden wurden. Die DNA - Analyse wurde von Medigenomix, Martinsried / München am 29.11.02 erstellt.

Die DNA- oder Genotypisierung mittels Mikrosatelliten ist als Beweismittel zur Identifizierung von Personen bei gerichtsmedizinischen Fragestellungen, sowie zu Vaterschaftsanalysen weltweit anerkannt. Auf die Firma wurde ich durch einen Artikel in der Regionalzeitung "DIE RHEINPFALZ" vom 19.11.2002 aufmerksam. Ich holte am 28. November 2002 in Kassel den zu untersuchenden Schädel, brachte ihn -mit einem Begleitschreiben des VDK- zu einer ca. 1-stündigen Probenentnahme nach München und dann am 3. Dezember wieder nach Kassel. Über meine Empfindungen hier zu schreiben, ist mir nicht möglich, was jeder versteht, der bedenkt, welche Bedeutung es haben mag, wenn die Schädelfragmente des wahrscheinlich eigenen Vaters für einige Tage in der Wohnung ruhen. Die Spannung auf das Ergebnis wuchs mit jedem Tag, bis ich aus München angerufen wurde.

Klarheit

Am 12.12.2002 erhielt ich von Medigenomix den schriftlichen Bescheid: "Hierbei zeigte es sich, dass Sie und die Person, von welcher der Unterkiefer stammt, in jedem System die identischen Merkmale aufweisen. Eine Recherche in einer entsprechenden Datenbank ergab, dass dieser Genotyp unter ca. 12700 Einträgen noch nicht vorhanden war und damit relativ selten ist, was dazu führt, dass die Wahrscheinlichkeit der biologischen Verwandtschaft sehr hoch ist und davon auszugehen ist, dass die untersuchten Knochen von ihrem biologischen Vater stammen."(Gez. Dr. Rainer Schubbert).

Eine beruhigende Gewissheit.

Für die Angehörigen der Gefallenen, von denen wir die 11 Aluminium-Erkennungsmarken fanden, wird Licht in ein bisher verborgenes Dunkel fallen. Mit einem Sohn habe ich über Jahre hin Kontakt.

Teilnahmsvolle Medienberichte

Die sonstige Rezeption der bisherigen Erlebnisse fand über die Medien statt: Die ARD - Fernsehaufnahmen unter Leitung von Annette Dittert umfassen ca. 120 min. und wurden für die Sendung auf 6 min. zusammengeführt. Der 6-Minuten Beitrag wurde gesendet am Sa. 09.11.2002 "ARTE-Europa" , und am Volkstrauertag 17.11.2002 ARD - Tagesthemen des 1. Programms. Über die ARD wurde dieser Beitrag auch in den Folgejahren mehrfach in Regionalsendern aufgenommen. Von der Auslandskorrespondentin verschiedener Zeitungen Gabriele Lesser erschienen die Beiträge u.a.: am 15.11.2002 im "Kölner Stadtanzeiger": "Die lange Suche eines deutschen Pfarrers nach dem gefallenen Vater."; am 16.11.2002 in "Die Rheinpfalz": "In Polen auf der Suche nach dem toten Vater, -Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge gibt Gefallenen Wehrmachtssoldaten eine würdige letzte Ruhestätte-"; in der "Heilbronner Stimme "Vom Kriegsfeld auf den Friedhof".

Am 16.11.02 kam ein Bericht von Sebastian Böckmann in "DIE RHEINPFALZ" -Mittelhaardter Rundschau, Regionalteil Neustadt, Seite-1- "Nach 57 Jahren Gebeine des Vaters in Polen gefunden, -Wie ein pensionierter Pfarrer Schicksale Gefallener aufklären konnte, -Viel Unterstützung erfahren- Mehr als Zufall im Spiel-." Annette Greiner schrieb im "Oberpfalznetz- Amberger Zeitung" am 02.01.2003: "Spurensuche nach 57 Jahren, -Alfred Keffels Wunsch nach ‚würdiger Ruhestätte’ für seinen im Krieg gefallenen Vater erfüllt sich-". Am 17.11.2006 nahm Chris Melzer/DPA im "STERN" mit "Gräber unter Parkplätzen" Bezug auf den Grabfund.

Das Presseportal des Südwestrundfunks (SWR) brachte am 21.11.2002 einen Hinweis auf den Grabfund und stellte diesen in Zusammenhang mit dem Film von Dr. Thomas Reimer: "Meine Schlachtfelder -Die langen Schatten des Krieges-". Der Film wurde am 24. 11.2002 ausgestrahlt. Hierzu hat der SWR ein Internet- Forum eingerichtet.

Für alle Publikationen gilt: Die Gestaltung war dem menschlichen Thema "Suche nach dem toten Vater" einfühlsam angemessen, der historischen Problematik zwischen Polen und Deutschen informativ und sensibel zugewandt und für die Friedensverantwortung ermutigend und stärkend. Nach der Publikation kamen Bitten um Beratung auf mich zu, denen ich gerne entsprach. In einem Arbeitskreis versammelten sich in Neustadt über einige Jahre in wechselnder Zusammensetzung Betroffene, die nach ihren Vätern oder Angehörigen suchten. Für einige konnte die Beratung und Begleitung zu einem persönlich befriedenden Ergebnis führen.

Die Beisetzung auf dem deutschen Soldatenfriedhof Pulawy am 24. September 2003

Ein Grabesstreifen von ca 40 m Länge, 3-4 m Breite und einer Tiefe von 1,50 m war wie gähnend aufgetan, 67 Särge standen darin, 2 mal 17 in einer Doppelreihe und 33 in einer langen Einzelreihe. Dabei der Sarg meines Vaters. Davor stand das Holzkreuz, das wir im August 2002 zum Gedenken errichtet hatten. Mein Sohn und mein Cousin begleiteten mich. Andere Angehörige waren nicht dabei da die Recherchen sehr schwierig und zeitaufwändig sind. Die Beisetzung wurde vom VDK, durch Hartmut Mehnert eröffnet und geleitet, Andrzej Zielinski aus Kozienice übersetzte, alle Ansprachen.

Die religiöse Gestaltung wurde von dem polnischen röm.-kath. Pfarrer, Ks. Szymkiewicz Wieslaw aus dem benachbarten Ort Wygoda / Policzna und von mir geleitet. Die Vertretung der Stadt Zwolen nahm teil, Bürgermeister Zbigniew Buczma hielt eine Ansprache mit der Mahnung zur Völkerverständigung und legte namens der Stadt Zwolen ein Blumengebinde nieder.

Der Bauer, aus dessen Acker die 18 Gefallenen exhumiert wurden, war mit seiner Familie gekommen, sodass mit den Mitarbeitern des VDK etwa 20 Trauergäste versammelt waren. Für seinen Schwiegersohn habe ich in der Pfalz eine Arbeitsstelle gefunden, die er jahrelang innehatte, auch für seinen Sohn eine Ernte-Saisonarbeit.

2004 und 2005 konnte ich das Grab besuchen. Zum Volkstrauertag halten die beiden Mitarbeiter der Stadt Zwolen wiederholt ein Gedenken für meinen Vater und einen Kameraden, der am 16.1.1945 gefallen ist.

Nach der Beerdigung wurde in Polen in Radom und Zwolen über den Grabfund und die Beisetzung mehrspaltig mit Bildern berichtet: am 30.09.2003 in "Radomskie Echo Dnia": "Pogrzeb po latach-Pastor z Niemiec odnalazl grób ojca", (Begräbnis nach Jahren- Pfarrer aus Deutschland hat das Grab seines Vaters wiedergefunden), im Oktober 2003 in N° 39; S. 33 bei "Glos Zwolenski" (Stimme von Zwolen) Pokój i pojednanie", (Frieden und Versöhnung) von Piotr Wajs, Gemeindeverwaltung von Zwolen.

Dank für menschliche Hilfe

Diese Berichte, wie auch das außerordentliche Engagement zur Hilfe, die ich von den im Bericht genannten Polen und Deutschen erfahren habe, bewerte ich als gelebte Humanität, ein hoffnungsvolles Zeichen für eine friedvolle Zukunft.

Dies ist umso mehr mit großer Dankbarkeit zu bewahren, wenn man bedenkt, dass im Namen des deutschen Volkes Zwolen 1939 zu ca. 80% zerbombt wurde. Wie in Kozienice wurde auch in Zwolen 1941 ein Ghetto für Juden der Umgebung eingerichtet und im September 1942 liquidiert. Etwa 7-8000 Juden wurden mit Holocaust-Zügen nach Treblinka verbracht. Zwolen, ein Ort menschenverachtenden Verbrechens, wurde mir zur Stätte erfahrener menschlicher Hilfe und Unterstützung.

Bürgermeister Buczma und sein Stellvertreter Kabus zeigten auf das Denkmal von Jan Kochanowski, das auf dem Marktplatz vor der Stadtverwaltung steht. Sinngemäß sagten sie: "Dieser Dichter war ein großer Humanist in der Renaissance. Wir fühlen uns seinen Gedanken verpflichtet."

Mit Kochanowski, Vita und literarischem Werk habe ich mich später beschäftigt. Sein Elternhaus war in Sycyna, 7 km südlich von Zwolen, sein Grabmal ist in der Kirche von Zwolen. Sein Museum kann ca. 30 km weiter in Czarnolas besucht werden. Seine Lieder, "Polnischer Psalter" und "Czego…" werden bis heute gesungen.

Tragende Werte bewahren den Frieden.

Zum menschlichen Wert und zur Menschenwürde gehört neben den persönlichen Unterstützungen in menschlichen Fragen, auch, dass wir die tragenden geistigen, kulturellen und historischen Kräfte in lebendiger Erinnerung behalten und leben.

1832 besuchten etwa 8- bis 10 000 Polen das "Hambacher Fest". Sie waren auf dem Weg nach Frankreich und zur Suche einer neuen Freiheit für Polen. Heute wehen vor dem Hambacher Schloss die Fahnen von Europa, Frankreich, Polen und Deutschland. Das "Weimarer Dreieck", als Treffen der Außenminister von Polen, Frankreich und Deutschland, gegründet 1991 in Weimar, trägt den Auftrag zur Völkerverständigung und der Zusammenarbeit für eine Integration.

Die Mitarbeiter des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge hielten d e n Rest des Menschen in Händen, der vergänglich ist und wieder zur Erde werden wird, wie er "von Erde genommen ist", zugleich berührten sie die Ewigkeit, weil sie die Menschenwürde in der Tiefe eines Soldatengrabes hoch hielten. Deren Arbeit zu unterstützen und vergleichbares Engagement zum Frieden, zur Verständigung zwischen den Volkern zu nähren ist Sinn dieses Berichts.

Ich schließe mit den Worten zur Hoffnung von Jan Kochanowski aus

"Czego chcesz od nas, Panie, za Twe hojne dary?" , letzte Strophe. Die angefügte Übersetzung stammt von Andreas Wedecke: "Sechzig geistliche Lieder, mehrentheils aus den gewöhnlichen polnischen Kirchengesengen ins Deutsche übersetzt. 1696. Königsberg."

Badz na wieki pochwalon, niesmiertelny Panie!

Twoja laska, Twa dobroc nigdy nie ustanie.

Chowaj nas, poki raczysz, na tej niskiej ziemi;

Jedno zawzdy niech bedziem pod skrzydlami Twemi!

(Piesn XXV, Ksiegi wtore; in: Jan Kochanowski >Dziela Polskie<, Tom I, Warszawa 1689, 6. Aufl.S 299)

Drum sey ewig Gott gelobt, der du bist das Leben,

Und laß deine Gnad’ und Güt’ über uns stets schweben!

Halt’ uns hie so lang du wilt, unten auff der erden.

Nur mit deinen Flügeln laß uns bedecket werden.

Zur Person

Alfred Keffel aus Neustadt in der Pfalz wird 1941 geboren. Nach dem Studium der evangelischen Theologie arbeitet er von 1968 bis 2000 als Geistlicher in der "Evangelischen Kirche der Pfalz". 1997 beginnt er, das Soldatengrab seines im Zweiten Weltkrieg an der Front in Polen verstorbenen Vaters zu suchen, den er nie kennengelernt hat.

Empfohlene Zitierweise:
Keffel, Alfred: Das Soldatengrab meines Vaters, in: LeMO-Zeitzeugen, Lebendiges Museum Online, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland,
URL: http://www.hdg.de/lemo/zeitzeugen/alfred-hans-keffel-das-soldatengrab-meines-vaters.html
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