1991

 

Chronik

Photo: Wolfgang Schäuble bei der Debatte über den künftigen Sitz der Bundesregierung, 1991
Photo: NATO-Gipfel in Rom, 1991
Photo: Konferenz des Europarates über den Vertrag von Maastricht, 1991
Der letzte Trabi
Briefmarke: Deutscher Doppelsieg in Wimbledon, 1991
Januar
1.1. Die neuen Bundesländer der Bundesrepublik Deutschland übernehmen das Steuerrecht und große Teile der Sozialgesetzgebung der "alten" Bundesrepublik.
2.1. Die ersten Wehrpflichtigen aus den neuen Bundesländern treten ihren Dienst in der Bundeswehr an.
Fast 24 Jahre nach Abbruch der diplomatischen Beziehungen zur Sowjetunion eröffnet Israel ein Konsulat in Moskau.
In Brüssel beschließt der NATO-Rat die Entsendung von mehr als 40 Kampfflugzeugen in die Türkei, um das Land vor einem irakischen Angriff zu schützen.
6.1. Mit der Landung der ersten von insgesamt 18 Alpha-Jets in der Türkei beginnt die Bundeswehr ihren ersten Einsatz in einem kriegsbedrohten Krisengebiet.
8.1. Der aus dem Mittelalter stammende Quedlinburger Domschatz, von dem Teile nach Kriegsende verschwunden und in den USA wiederaufgetaucht waren, kehrt nach einem außergerichtlichen Vergleich zurück.
9.1. In Genf scheitern die Verhandlungen zwischen dem amerikanischen Außenminister James Baker (geb. 1930) und seinem irakischen Kollegen Tarik Aziz (geb. 1936) über eine friedliche Lösung der Golfkrise.
10.1. Das Bundesverfassungsgericht stellt in einem Verfahren um den Roman "Josefine Mutzenbacher - Die Lebensgeschichte einer wienerischen Dirne, von ihr selbst erzählt" fest, dass auch Pornographie im Einzelfall ein "künstlerisches Mittel" sein kann.
11.1. Das erste Gesamtberliner Abgeordnetenhaus konstituiert sich. Mit der Übernahme der bisher nur im Westteil geltenden Berliner Verfassung wird auch hier die staatsrechtliche Einheit Deutschlands vollzogen.
Sowjetische Armee-Einheiten besetzen strategisch wichtige Gebäude der litauischen Hauptstadt Vilnius (Wilna).
12.1. In ganz Deutschland demonstrieren insgesamt über 200.000 Menschen gegen einen drohenden Zweiten Golfkrieg.
13.1. Der baden-württembergische Ministerpräsident Lothar Späth (geb. 1937) (CDU) tritt wegen der "Traumschiff-Affäre" zurück. Späth weist die Vorwürfe, auf Kosten der Industrie Ferienreisen und Dienstflüge unternommen zu haben, jedoch von sich.
17.1. Helmut Kohl (CDU) wird vom Deutschen Bundestag mit 378 von 644 abgegebenen Stimmen erneut zum Bundeskanzler gewählt.
19 Stunden nach Ablauf des UNO-Ultimatums beginnt eine multinationale Truppe unter Führung der USA im Rahmen der "Operation Wüstenfuchs" mit Luftangriffen auf den Irak.
18.1. Der Irak greift Israel mit Raketen an.
19.1. Wegen des Golfkriegs sagen viele Karnevalsvereine ihre Fastnachtsveranstaltungen ab.
20.1. Sowjetische Truppen beschießen das lettische Innenministerium in Riga.
21.1. Der Irak droht damit, Kriegsgefangene als sogenannte menschliche Schutzschilde einzusetzen.
22.1. Die irakische Armee setzt in Kuwait Ölquellen in Brand. Durch den Golfkrieg werden rund 60 Prozent der kuwaitischen petrochemischen Anlagen und Raffinerien zerstört.
27.1. Der deutsche Tennisspieler Boris Becker wird durch seinen Sieg über den Tschechoslowaken Ivan Lendl (geb. 1964) Gewinner der internationalen Tennismeisterschaften von Australien und Nummer eins der Weltrangliste.
29.1. Der französische Verteidigungsminister Jean-Pierre Chevènement (geb. 1939) tritt wegen des militärischen Eingreifens Frankreichs in den Golfkrieg von seinem Amt zurück.
31.1. Werner Lotze (geb. 1952) profitiert als erstes ehemaliges Mitglied der terroristischen Rote Armee Fraktion (RAF) von der strafmildernden Kronzeugenregelung.
Februar
1.2. Südafrikas Präsident Frederik Willem de Klerk (geb. 1936) kündigt vor dem Parlament in Kapstadt die Abschaffung der Apartheidgesetze an.
3.2. Die Mitglieder der Kommunistischen Partei Italiens (KPI) beschließen auf ihrem Parteitag in Rimini die Umbenennung der KPI in Demokratische Partei der Linken (PDS).
8.2. Erstmals werden in Japan Freilandversuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen vorgenommen.
9.2. Die litauische Bevölkerung votiert in einer Befragung mit großer Mehrheit für die Unabhängigkeit ihres Landes von der Sowjetunion.
10.2. In Mailand schließen sich sechs norditalienische Autonomiebewegungen zur neuen politischen Gruppierung Lega Nord zusammen. Zum Parteisekretär wird Senator Umberto Bossi (geb. 1941) gewählt.
13.2. Der Bildhauer und Architekt Arno Breker stirbt in Düsseldorf.
15.2. Im Montagewerk der Volkswagen Sachsen GmbH in Mosel bei Zwickau wird mit der Fertigung des VW-Golf begonnen.
22.2. Der US-amerikanische Präsident George Bush (geb. 1924) stellt dem Irak das Ultimatum, bis zum 23. Februar um 18 Uhr (MEZ) mit dem Rückzug aus Kuwait zu beginnen.
24.2. Die Alliierten starten ihre Bodenoffensive gegen den Irak, nachdem der irakische Präsident Saddam Hussein das US-Ultimatum vom 22. Februar hat verstreichen lassen.
25.2. Die sechs im Warschauer Pakt verbliebenen Staaten (UdSSR, Rumänien, Bulgarien, Polen, CSFR, Ungarn) beschließen die Auflösung des Militärbündnisses.
26.2. Der Irak beginnt seinen Truppenabzug aus Kuwait und erklärt sich einen Tag später zur Anerkennung der UNO-Resolutionen bereit.
28.2. Mit der Einstellung aller Kampfhandlungen in Kuwait und dem Irak um 6 Uhr MEZ endet der Zweite Golfkrieg.
März
1.3. In den Kohlerevieren der Sowjetunion treten rund 28.000 Bergarbeiter in den Ausstand.
2.3. Der UNO-Sicherheitsrat legt in der Resolution 686 die Bedingungen für den Waffenstillstand im Golfkrieg fest. Der Irak, der die Bedingungen am 3. März annimmt, muss u.a. Gefangene freilassen und für die Kriegsschäden aufkommen.
4.3. Als letzter Vertragspartner ratifiziert der Oberste Sowjet der UdSSR in nichtöffentlicher Sitzung das Zwei-plus-Vier-Abkommen über die volle Souveränität Deutschlands. Gleichzeitig werden die im Zweiten Weltkrieg entstandenen Grenzen für unabänderlich erklärt.
13.3. Der frühere Staats- und Parteichef der DDR, Erich Honecker, wird aus dem sowjetischen Militärhospital Beelitz nach Moskau gebracht, um die Vollstreckung eines deutschen Haftbefehls zu verhindern. Laut Staatsanwaltschaft ist Honecker an der Errichtung und am Ausbau der innerdeutschen Grenze beteiligt und als Mittäter für die Tötung von Menschen an der innerdeutschen Grenze und an der Berliner Mauer verantwortlich.
14.3. Das Bundesverfassungsgericht erklärt das in der Bundesrepublik Deutschland geltende Namensrecht für verfassungswidrig, wonach im Streitfall der Geburtsname des Mannes Ehename wird.
19.3. Die SPD-Führung spricht sich für eingeschränkte Einsätze deutscher Soldaten unter UNO-Kommando aus.
21.3. Bundesforschungsminister Heinz Riesenhuber (geb. 1935) (CDU) verkündet den Baustop für den sogenannten Schnellen Brüter im niederrheinischen Kalkar.
26.3. Das Parlament von Angola entscheidet sich in einer Verfassungsänderung für die Abschaffung des marxistischen Einparteiensystems zugunsten einer pluralistischen Demokratie.
31.3. In Georgien sprechen sich fast 99 Prozent der Bevölkerung für eine Unabhängigkeit ihres Landes von der Sowjetunion aus.
Bei den ersten demokratischen Parlamentswahlen, die unter internationaler Beobachtung in Albanien stattfinden, können die Kommunisten eine Zweidrittelmehrheit erringen, so dass zunächst eine rein kommunistische Regierung gebildet wird.
April
1.4. Der Präsident der Treuhandanstalt, Detlev Karsten Rohwedder (geb. 1932), wird in seinem Haus bei Düsseldorf Opfer eines Mordanschlages, zu dem sich die Rote Armee Fraktion (RAF) bekennt.
4.4. Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch stirbt kurz vor seinem 80. Geburtstag in Zürich.
6.4. In Frankfurt/Main wird die 1987 bei einer Brandstiftung zerstörte Alte Oper mit einem Festakt eingeweiht.
9.4. Die Sowjetunion leitet den Abzug ihrer rund 50.000 in Polen stationierten Soldaten ein.
Die Republik Georgien erklärt ihre Unabhängigkeit, nachdem bei einer Volksabstimmung am 1. April 99 Prozent der stimmberechtigten Bevölkerung für diesen Schritt votiert hatten.
10.4. Im Automobilwerk Eisenach rollt der letzte Personenkraftwagen der Marke Wartburg vom Band.
13.4. Nachfolgerin des ermordeten Präsidenten der Berliner Treuhandanstalt, Detlev Karsten Rohwedder, wird dessen Stellvertreterin und ehemalige Finanzministerin des Landes Niedersachsen, Birgit Breuel (geb.1937)(CDU).
15.4. Die Europäische Gemeinschaft hebt die letzten der 1986 gegen Südafrika verhängten Wirtschaftssanktionen auf.
19.4. Im Berliner Martin-Gropius-Bau wird die Ausstellung "Metropolis" eröffnet, die einen Überblick über die zeitgenössischen Kunsttendenzen geben will.
20.4. Das 1954 gegründete Kuratorium Unteilbares Deutschland stellt seine Arbeit offiziell ein.
21.4. Die USA richten im Norden des Irak Schutzzonen für die kurdischen Flüchtlinge im Grenzgebiet zur Türkei ein.
23.4. Das Bundesverfassungsgericht erklärt die im deutsch-deutschen Einigungsvertrag erfolgte Anerkennung der Bodenreform in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone für verfassungsgemäß. Opfer dieser Enteignungen haben demnach keinen Anspruch auf Rückgabe ihres ehemaligen Besitzes.
30.4. In Zwickau läuft nach fast 35 Jahren der letzte Trabant vom Band. Insgesamt wurden 3 Millionen Personenwagen dieses Typs gebaut.
Die Bundesregierung beschließt, die Verwendung des "Ozonkillers" FCKW (Fluorchlorkohlenwasserstoff) als Treib- und Lösungsmittel ab 1995 zu verbieten.
Mai
2.5. Die Boulevard-Zeitung "Super!" geht in Ostdeutschland mit einer Startauflage von 500.000 Exemplaren auf den Markt.
9.5. Die Bundesregierung beschließt eine neue Verpackungsverordnung, wonach Handel und Industrie ab Dezember 1991 Transportverpackungen zurücknehmen und wiederverwenden müssen. Ab April 1992 dürfen Kunden die Verpackungen der gekauften Produkte in den Geschäften zurücklassen.
12.5. Die Sowjetunion verschrottet die letzten Mittelstreckenraketen vom Typ SS-10. Damit erfüllt auch die UdSSR das 1987 mit den USA geschlossene Abrüstungsabkommen.
13.5. Die südafrikanische Bürgerrechtlerin Winnie Mandela (geb. 1934) wird vom Obersten Gerichtshof in Johannesburg wegen Entführung und Beihilfe zur Körperverletzung zu sechs Jahren Gefängnis ohne Bewährung verurteilt, gegen eine geringe Kaution jedoch bis zum Berufungsverfahren auf freien Fuß gesetzt.
14.5. In seiner ersten Arbeitssitzung im Berliner Reichstagsgebäude beschließt der Deutsche Bundestag Steuererhöhungen, u.a. den Solidaritätszuschlag für den Aufbau der neuen Bundesländer, zum 1. Juli.
15.5.-11.7. Anlässlich des 100. Geburtstags John Heartfields zeigt das Alte Museum in Berlin eine erste umfassende Retrospektive.
21.5. Der frühere indische Ministerpräsident und Vorsitzende der Kongresspartei, Rajiv Gandhi (geb.1944), wird auf einer Wahlkampfveranstaltung ermordet.
Der ehemalige Ministerpräsident der DDR, Willi Stoph, und der frühere Verteidigungsminister Heinz Keßler (geb. 1920) werden wegen ihrer Mitverantwortung für den Schießbefehl an der früheren innerdeutschen Grenze verhaftet.
22.5. Der Libanon schließt mit Syrien einen Vertrag der "Bruderschaft, Kooperation und Koordination", der u.a. die Präsenz syrischen Militärs im Libanon auf unbegrenzte Zeit festschreibt.
25.5. In der "Operation Salomon" bringt Israel 14.400 Juden aus dem vom Bürgerkrieg erschütterten Äthiopien per Flugzeug nach Israel.
26.5. In der Sowjetrepublik Georgien gewinnt der bisherige Parlamentspräsident Swiad Gamsachurdia (1939-1993) die erste Direktwahl eines Präsidenten.
29.5. Der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Björn Engholm wird zum neuen Parteivorsitzenden der SPD gewählt.
Juni
6.6. Der ehemalige Vorsitzende der DDR-Einheitsgewerkschaft Freier Deutscher Gewerkschaftsbund (FDGB), Harry Tisch (1927-1995), wird vom Landgericht Berlin wegen "Untreue zum Nachteil sozialistischen Eigentums" zu 18 Monaten Haft verurteilt.
12.6. Der ehemalige Weggefährte Michail Gorbatschows und frühere Moskauer Parteichef Boris Jelzin, der 1988 wegen seines radikalen Reformkurses alle Parteiämter verloren hatte, wird zum Präsidenten der sowjetischen Teilrepublik Rußland gewählt.
Der frühere baden-württembergische Ministerpräsident Lothar Späth wird Vorstandsvorsitzender der Jenoptik in Thüringen.
15.6. Der 1. FC Kaiserslautern wird nach 1951 und 1953 zum dritten Mal Deutscher Fußballmeister.
17.6. Deutschland und Polen schließen in Bonn den Vertrag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit ab.
19./20.6. Zweitägige Tagung des Außenministerrats der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) in Berlin.
20.6. Mit 338 gegen 320 Stimmen entscheiden sich die Abgeordneten des Deutschen Bundestags für Berlin als künftigen Regierungssitz.
25.6. Die jugoslawischen Teilrepubliken Kroatien und Slowenien erklären ihre Unabhängigkeit.
27.6. Mit dem Einsatz der Bundesarmee gegen Kroatien und Slowenien beginnt der jugoslawische Bürgerkrieg, nachdem das jugoslawische Bundesparlament die Unabhängigkeitsbeschlüsse der Teilrepubliken für ungültig erklärt hat.
28.6. Der 1949 gegründete Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) wird auf der 49. Konferenz der Mitgliedsstaaten in Budapest aufgelöst.
Juli
5.7. Mit 38 gegen 30 Stimmen spricht sich der Bundesrat für Bonn als Sitz der Länderkammer aus.
Nelson Mandela (1918-2013) wird einstimmig zum Präsidenten des Afrikanischen Nationalkongresses ANC gewählt.
7.7. Mit einem Sieg über Boris Becker gewinnt Michael Stich (geb. 1968) die All-England-Tennismeisterschaften in Wimbledon. Das Damenfinale kann Steffi Graf zum dritten Mal für sich entscheiden.
9.7. Nach 22 Jahren wird Südafrika erstmals wieder zur Teilnahme an Olympischen Spielen eingeladen.
15.7. In London wird der dreitägige, 17. Weltwirtschaftsgipfel eröffnet, an dem auch der sowjetische Präsident Michail Gorbatschow als Gast teilnimmt.
18.7. Das jugoslawische Staatspräsidium beschließt den Abzug der Bundesarmee aus Slowenien binnen drei Monaten.
31.7. Der amerikanische Präsident George Bush und der sowjetische Präsident Michail Gorbatschow unterzeichnen in Moskau den START-Vertrag (Strategic Arms Reduction Talks) zum Abbau von etwa einem Drittel der strategischen Atomwaffen.
August
7.8. Das jugoslawische Staatspräsidium verfügt eine Feuerpause im Bürgerkrieg zwischen Serben und Kroaten; die Kämpfe in den von Serben bewohnten und von Serbien beanspruchten Gebieten in Kroatien gehen jedoch unvermindert weiter.
8.8. Mehr als 10.000 Albaner flüchten wegen der schlechten Versorgungslage und der zögernden Demokratisierung in ihrem Heimatland mit dem Schiff in die süditalienische Hafenstadt Bari. Sie werden dort zunächst interniert und später wieder nach Albanien zurückgeschickt.
Unter Vermittlung der Europäischen Gemeinschaft kommt es auf der Adriainsel Brioni zwischen dem jugoslawischen Staatspräsidium und Slowenien zu Friedensvereinbarungen, die ein Einfrieren der Unabhängigkeitserklärung für drei Monate und die Rückkehr der Bundesarmee in ihre Kasernen vorsehen.
14.8. Die Bundesregierung beschließt die Entsendung von 15 Beamten des Bundesgrenzschutzes für eine halbjährige UNO-Friedensmission in die Westsahara.
17.8. Die Sarkophage der Preußenkönige Friedrich Wilhelm I. (1688-1740) und Friedrich II. (1712-1786) werden gemäß testamentarischem Wunsch Friedrichs II. nach Potsdam überführt.
19.8. In der Sowjetunion versuchen reformfeindliche Kräfte, Präsident Michail Gorbatschow zu stürzen. Der russische Präsident Boris Jelzin ruft die Bevölkerung zum Widerstand gegen die Putschisten auf. Am 21. August bricht der Umsturzversuch zusammen.
20.8. Die Baltenrepublik Estland erklärt ihre Unabhängigkeit.
21.8. Lettland setzt die schon früher erklärte Unabhängigkeit in Kraft.
24.8. Der sowjetische Präsident Michail Gorbatschow tritt als Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion zurück (KPdSU).
26.8. In Leipzig wird der erste gesamtdeutsche Duden seit 40 Jahren vorgestellt.
27.8. Die Europäische Gemeinschaft (EG) erkennt die Unabhängigkeit der Baltenstaaten Estland, Lettland und Litauen an.
31.8. Die Ministerpräsidenten der 16 Bundesländer unterzeichnen in Bonn den ersten gesamtdeutschen Rundfunkstaatsvertrag.
Die Sowjetrepubliken Kirgisien und Usbekistan erklären sich für unabhängig.
In Lissabon, der Hauptstadt der ehemaligen Kolonialmacht Portugal, unterzeichnen die angolanischen Bürgerkriegsparteien ein Friedensabkommen.
September
2.9. In Berlin beginnt der erste sogenannte Mauerschützen-Prozess gegen vier DDR- Grenzsoldaten.
6.9. Der stellvertretende CDU-Vorsitzende Lothar de Maizière (geb.1940) legt nach erneuten Vorwürfen, informeller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) gewesen zu sein, seine Parteiämter nieder.
Die Sowjetunion erkennt die Unabhängigkeit der drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen an.
9.9. Die Sowjetrepublik Tadschikistan ruft ihre Unabhängigkeit aus.
10.9. Wegen schwerer Sicherheitsbedenken verfügt Bundesumweltminister Klaus Töpfer (geb. 1938) den Abriss aller Reaktorblöcke des ostdeutschen Kernkraftwerks Greifswald.
12.9. In der jugoslawischen Teilrepublik Bosnien-Herzegowina proklamieren die Serben die "Serbische autonome Region Herzegowina".
18.9. Die jugoslawische Teilrepublik Makedonien erklärt ihre Unabhängigkeit.
19.9. Am Similaun-Gletscher im Ötztal wird die mumifizierte Leiche eines Mannes aus der Bronzezeit gefunden.
20.9. Der UNO-Sicherheitsrat genehmigt erstmals seit Verhängung des Wirtschaftsembargos gegen den Irak den Verkauf von irakischem Erdöl, um Lebensmittel und Reparationen bezahlen zu können.
Der Überfall von Rechtsextremisten auf vietnamesische Gastarbeiter und das Eingreifen der Polizei lösen im sächsischen Hoyerswerda schwere Ausschreitungen Rechtsradikaler gegen Ausländer und Asylbewerber aus, in deren Verlauf unter dem Beifall vieler Zuschauer auch ein Asylbewerberwohnheim angegriffen wird. In den folgenden Wochen kommt es im gesamten Bundesgebiet zu Anschlägen gegen Asylbewerberunterkünfte.
21.9. Die Bürgerrechtsgruppen der ehemaligen DDR, Demokratie Jetzt, Initiative Frieden und Menschenrechte sowie Teile des Neuen Forums, gründen auf ihrer zweitägigen Zusammenkunft die bundesweit antretende Partei Bündnis 90.
24.9. Der ehemalige Spionagechef der DDR, Markus Wolf, stellt sich an der bayerisch-österreichischen Grenze den deutschen Behörden.
26.9. Der UN-Sicherheitsrat beschließt ein Waffenembargo gegen das von bürgerkriegsähnlichen Kämpfen erschütterte Jugoslawien.
28.9. Der US-amerikanische Jazzmusiker Miles Davis (geb. 1926) stirbt in Santa Monica.
30.9. Durch einen Putsch wird der erste demokratisch gewählte Präsident des karibischen Inselstaates Haiti, Jean Bertrand Aristide (geb. 1953), seines Amtes enthoben.
Oktober
4.10. Das nur noch mit Serben besetzte jugoslawische Staatspräsidium ordnet angesichts des Bürgerkriegs die Teilmobilmachung an.
5.10. Die Sowjetunion tritt dem Internationalen Währungsfonds (IWF) als assoziiertes Mitglied bei.
6.10. Angesichts der Mobilmachung der jugoslawischen Bundesarmee ruft der kroatische Präsident Franjo Tudjman (1922-1999) zur Generalmobilmachung in seiner Republik auf.
8.10. Der Paderborner Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt (geb. 1926) entzieht dem Priester, Hochschullehrer und Psychotherapeuten Eugen Drewermann (geb. 1940) die kirchliche Lehrerlaubnis.
Die Parlamente von Slowenien und Kroatien erklären nach Ablauf eines dreimonatigen Moratoriums der EG formell ihre endgültige Loslösung von Jugoslawien.
10.10. CDU, CSU, FDP und SPD einigen sich in Bonn auf eine Beschleunigung und Vereinfachung von Asylverfahren.
15.10. Die jugoslawische Teilrepublik Bosnien-Herzegowina erklärt sich gegen den Protest der serbischen Bevölkerungsminderheit für souverän.
16.10. Bundeskanzler Helmut Kohl und der französische Staatspräsident François Mitterrand (geb.1916) präsentieren das Projekt eines gemeinsamen Armeecorps mit 50.000 Soldaten.
18.10. Nach 24 Jahren nehmen die Sowjetunion und Israel wieder diplomatische Beziehungen auf.
Acht von zwölf Sowjetrepubliken sowie der sowjetische Präsident Michail Gorbatschow unterzeichnen in Moskau einen Vertrag zur Bildung eines einheitlichen Wirtschaftsraumes.
19.10. Der Liedermacher und Schriftsteller Wolf Biermann wird in Darmstadt mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet.
22.10. Die Staaten der Europäischen Gemeinschaft und der Freihandelsassoziation EFTA einigen sich nach langjährigen Verhandlungen auf die Bildung eines gemeinsamen europäischen Wirtschaftsraumes (EWR).
23.10. Die kambodschanischen Bürgerkriegsparteien unterzeichnen in Paris ein Abkommen über einen von den Vereinten Nationen kontrollierten Waffenstillstand.
27.10. Polen und die UdSSR einigen sich in Moskau über den Abzug der sowjetischen Truppen bis Ende 1993.
30.10. In Madrid beginnt die erste Nahostkonferenz unter Teilnahme aller am Konflikt beteiligten Parteien.
November
7.11. Die NATO verabschiedet auf ihrer zweitägigen Gipfelkonferenz in Rom eine neue Strategie, die nach dem Ende der militärischen Ost-West-Konfrontation auf Zusammenarbeit, Friedensbewahrung und Krisenmanagement statt auf atomare Abschreckung ausgerichtet ist.
In Potsdam findet die erste deutsche Frauenministerinnenkonferenz statt. Die Teilnehmerinnen sprechen sich dabei für eine Erprobung der Abtreibungspille RU 486 aus.
8.11. Die EG-Außenminister beschließen in Rom Wirtschaftssanktionen gegen Jugoslawien.
8.11.-7.2.1992 Das Lenin-Denkmal auf dem Platz der Vereinten Nationen in Berlin-Friedrichshain wird abgebaut.
11.11. Die Kohlerunde mit Bundeswirtschaftsminister Jürgen Möllemann (1945-2003) einigt sich in Bonn auf eine Verringerung der jährlichen Steinkohleförderung von 70 auf 50 Millionen Tonnen bis zum Jahre 2005.
12.11. Die SPD-Bundestagsfraktion wählt Schatzmeister Hans-Ulrich Klose (geb. 1937) zum Nachfolger des zurückgetretenen Fraktionschefs Hans-Jochen Vogel.
14.11. Der Bundestag verabschiedet das Stasi-Unterlagengesetz. Damit erhalten alle bespitzelten Bürger das Recht, ab dem 1. Januar 1992 Einsicht in die von der DDR-Staatssicherheit über sie geführten Akten zu nehmen.
18.11. Nach 87tägiger Belagerung erobern serbische Freischärler die zu 90 Prozent zerstörte kroatische Grenzstadt Vukovar.
23.11. In Genf vereinbaren die jugoslawischen Bürgerkriegsparteien nach Vermittlung des UN-Sonderbeauftragten Cyrus Vance (geb. 1917) den 14. Waffenstillstand seit Kriegsbeginn, der jedoch nicht eingehalten wird.
Der deutsche Filmschauspieler Klaus Kinski (geb.1926) stirbt in Luganita bei San Francisco.
24.11. Der britische Rockmusiker Freddy Mercury (geb.1946) stirbt im Alter von 45 Jahren in London an Aids.
25.11. Die CDU/CSU-Fraktion wählt Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble als Nachfolger von Alfred Dregger (geb. 1920) zu ihrem neuen Fraktionsvorsitzenden.
27.11. Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) und der Ostdeutsche Rundfunk (ODR) treten der ARD bei.
Die Belgrader Regierung bittet offiziell um die Entsendung einer UN-Friedenstruppe zur Errichtung von Pufferzonen zwischen den Kriegsparteien.
28.11. Die französische Regierung verabschiedet ein Gesetz zur Entschädigung von rund 7.000 Personen, die sich bei Bluttransfusionen mit Aids infiziert haben.
30.11.-12.1.1992 Die Kunsthalle Düsseldorf präsentiert Werke Nam June Paiks.
Dezember
1.12. In einem Referendum votieren 90,3 Prozent der Bevölkerung in der Ukraine für die Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Parlamentspräsident Leonid Krawtschuk (geb. 1934) wird mit 61,6 Prozent der Stimmen zum Präsidenten gewählt.
2.12. Die EG hebt die Wirtschaftssanktionen gegen die jugoslawischen Teilrepubliken Kroatien, Slowenien, Bosnien-Herzegowina und Mazedonien auf. Sie gelten damit nur noch für Serbien und Montenegro.
3.12. Der Staatsminister im Bundeskanzleramt, Lutz Stavenhagen (1940-1992), tritt u.a. wegen geheimer Panzerlieferungen des Bundesnachrichtendienstes (BND) an den israelischen Geheimdienst Mossad zurück. Die Panzer stammen aus Beständen der früheren Nationalen Volksarmee (NVA).
4.12. Die UN-Vollversammlung bestätigt als Nachfolger von UN-Generalsekretär Javier Perez de Cuéllar (geb. 1920) den stellvertretenden ägyptischen Außenminister Boutros Boutros-Ghali (geb. 1922).
8.12. Russland, die Ukraine und Weißrussland gründen in Brest-Litowsk/Weißrussland eine Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS).
9.12. Die Staats- und Regierungschefs der zwölf EG-Staaten beschließen auf einem Gipfeltreffen im niederländischen Maastricht die Gründung der Europäischen Union. Kernstück des Maastrichter Vertrages ist die Errichtung einer Wirtschafts- und Währungsunion mit der Einführung einer europäischen Währung (ECU) bis spätestens 1999.
13.12. Die Regierungen von Nord- und Südkorea unterzeichnen in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul einen Nichtangriffspakt.
17.12. Der russische Präsident Boris Jelzin und der sowjetische Präsident Michail Gorbatschow vereinbaren die Auflösung der UdSSR zum 21. Dezember 1991.
Die EG-Außenminister beschließen in Brüssel die völkerrechtliche Anerkennung der jugoslawischen Teilrepubliken bis zum 15. Januar 1992, wenn sie die bestehenden Grenzen und Minderheitenrechte respektieren.
21.12. In Alma-Ata treten acht ehemalige Sowjetrepubliken der von Russland, Weissrußland und der Ukraine gegründeten Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) bei.
25.12. Der sowjetische Staatspräsident Michail Gorbatschow tritt zurück und übergibt Russlands Präsident Boris Jelzin das Kommando über die strategischen Atomwaffen. Die EG und die USA erkennen Russland als Rechtsnachfolger der UdSSR an.
26.12. In Algerien finden die ersten freien und geheimen Wahlen auf der Basis einer neuen Verfassung statt. Dabei kann die Fundamentalistische Islamische Heilsfront FIS beim ersten Wahlgang einen überwältigenden Sieg erringen.
30.12. In Minsk beraten die Präsidenten der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) u.a. über eine gemeinsame Verteidigungspolitik.
31.12. Die alten zentralen Sender der früheren DDR, der Deutsche Fernsehfunk (DFF) und das Funkhaus Berlin, stellen den Sendebetrieb ein.
Außerdem
Martin Walser: Die Verteidigung der Kindheit (Roman)

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