Geteiltes Deutschland: Krisenmanagement

Die Bundesrepublik Deutschland muss in den 1970er und 1980er Jahren neue Krisen und Probleme bewältigen. Internationalisierung und Strukturwandel verändern die Wirtschaft. Brisante gesellschaftliche Fragen sind Umweltschutz, Atomenergie und die Rolle der Frau, die sich in neuen sozialen Bewegungen niederschlagen. Der Terror der Roten-Armee-Fraktion und ein neues Wettrüsten im Ost-West-Konflikt bedrohen die Sicherheit. Das SED-Regime in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) will mit der "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik" das Leben der Menschen in Osten verbessern und die Wirtschaftskraft steigern. Jedoch sieht es sich rasch gewaltigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten und hohen Schulden gegenüber. Die Unzufriedenheit der Ostdeutschen wächst in den 1970er und 1980er Jahren aufgrund von Mangelwirtschaft, Umweltzerstörung und fehlenden Grundrechte. Die Zahl der Ausreiseanträge steigt und neue Bürgerrechtsgruppen fordern Veränderungen.

Bundesrepublik im Umbruch

Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) tritt im Mai 1974 zurück, nachdem ein Mitarbeiter im Bundeskanzleramt, Günter Guillaume, als Agent der Staatssicherheit der DDR entlarvt wird. Die Bewältigung von Öl- und Weltwirtschaftskrise, steigende Arbeitslosigkeit, Verschuldung und der strukturelle Wandel der Arbeitswelt fordern die Bundesregierung unter seinem Nachfolger Helmut Schmidt (SPD) heraus. Zugleich muss die Bundesrepublik den Linksterrorismus der Roten-Armee-Fraktion abwehren. Gesellschaftliche Umbrüche spiegeln sich in den neuen sozialen Bewegungen wider, die sich in den 1970er Jahren bilden. Bürgerinitiativen sowie Naturschutzverbände kritisieren die immer deutlich werdenden Umweltschäden und versuchen Einfluss auf die Politik zu nehmen. Die Anti-Atomkraft-Bewegung fordert ein Ende der Nutzung der Atomenergie. Die Friedensbewegung befürchtet, dass das neue Wettrüsten im Ost-West-Konflikt zu einem Atomkrieg führt. Vertreter dieser Bewegungen gründen 1980 die neue Partei Die Grünen, der 1983 erstmals der Einzug in den Deutschen Bundestag gelingt.

Über politische Meinungsverschiedenheiten zerbricht 1982 die sozialliberale Regierung. CDU/CSU und FDP bilden eine neue Koalition. Mit einem konstruktiven Misstrauensvotum stürzen sie am 1. Oktober 1982 Bundeskanzler Schmidt. Der Bundestag wählt Helmut Kohl (CDU) zum neuen Bundeskanzler. Die vorgezogene Bundestagswahl im März 1983 bestätigt die schwarz-gelbe Koalition, deren Schwerpunkte die Wirtschafts- und Sicherheitspolitik sind. Zusammen mit dem französischen Präsidenten Francois Mitterand gelingt es Kohl Mitte der 1980er Jahre, der europäischen Einigung neue Dynamik zu verleihen.

Eine breitere Öffentlichkeit interessiert sich in den 1980er Jahren für die Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Neue Gedenkstätten entstehen und die historische Forschung erfährt neue Impulse. Für großes Aufsehen sorgen die amerikanische Fernsehserie "Holocaust" im Jahr 1979 und die angebliche Entdeckung der Hitler-Tagebücher 1983.

Niedergang der DDR

Das SED-Regime unter Erich Honecker verspricht seit Anfang der 1970er Jahre, mit der "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik" den Lebensstandard im Osten zu verbessern. Ziel ist es, die Zufriedenheit der Menschen, aber auch die wirtschaftliche Produktivität zu steigern. Große finanzielle Summen fließen in soziale Leistungen wie höhere Einkommen, staatliche subventionierte Mieten und Preise sowie das Wohnungsbauprogramm. Auch will die SED den Ostdeutschen einen „Konsumsozialismus“ ermöglichen und importiert Waren aus Westdeutschland. Folge sind jedoch drastisch steigende Auslandsschulden. Weil finanzielle Mittel fehlen, um Industrieanlagen zu modernisieren, sinkt die Produktivität der Wirtschaft. Die Infrastruktur zerfällt zunehmend, Betriebe veralten und die verstärkte Nutzung von Braunkohle zerstört massiv die Umwelt. Auf vielfältigen Wegen bemüht sich der Bereich Kommerzielle Koordinierung im Außenwirtschaftsministerium um Devisen, um die finanzielle Lage der DDR zu verbessern. Die Überwachung aller Gesellschaftsbereiche durch das Ministerium für Staatssicherheit unter Erich Mielke bleibt in den 1970er und 1980er Jahren ausgeprägt, um die SED-Herrschaft zu sichern. Den Staatsbesuch Erich Honeckers in Bonn 1987 bewertet das SED-Regime als großen Schritt hin zu einer baldigen völkerrechtliche Anerkennung der DDR durch die Bundesrepublik.

Trotz aller Versprechen des SED-Regimes bleibt der Alltag der Ostdeutschen von Mangelwirtschaft und fehlenden Freiheiten bestimmt. Engpässe in der Versorgung bestehen vor allem bei technischen Konsumgütern, aber auch viele Lebensmittel sind nicht durchgängig erhältlich. Hoffnungen, das SED-Regime werde nach der Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte 1975, Menschenrechte und Grundrechte achten, werden enttäuscht. Die Ausbürgerung des systemkritischen Sängers Wolf Biermann 1976 ruft Proteste hervor. Zunehmend frustriert stellen zehntausende Ostdeutsche Anfang der 1980er Jahre Anträge auf Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR und Ausreise in den Westen. Vor allem unter dem Dach der Kirchen bilden sich Umwelt-, Menschenrechts- und Friedensgruppen, die Alternativen zum bestehenden politischen System suchen.

(ag, mw) © Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland
Stand: 13.09.2014
Text: CC BY NC SA 4.0

Empfohlene Zitierweise:
Grau, Andreas/Würz, Markus: Geteiltes Deutschland: Krisenmanagement, in: Lebendiges Museum Online, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland,
URL: http://www.hdg.de/lemo/kapitel/geteiltes-deutschland-krisenmanagement.html
Zuletzt besucht am: 19.09.2014

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