1963-74 |
Unruhige Jahre |
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Die 60er Jahre sind im Osten wie im Westen Deutschlands eine Zeit des Umbruchs. Die Bundesrepublik erlebt nach der "Adenauer-Ära" eine neue Qualität in der Politisierung der Gesellschaft, insbesondere der Jugend, die die etablierte Politik in Frage stellt und Veränderungen fordert. Die Protestbewegung hat bleibenden Einfluss auf die Entwicklung der Bundesrepublik. Die DDR hingegen widmet sich nach dem Mauerbau vor allem dem Ausbau von Staat und Gesellschaft und bemüht sich durch eine Liberalisierung ihrer Kulturpolitik insbesondere um ein besseres Verhältnis zur Jugend. Auch hier kommt es jedoch Mitte der 60er Jahre zu einem Generationenkonflikt, den die DDR-Führung für sich entscheidet. In der Bundesrepublik verändert die zahlenmäßige Schwäche der Opposition im Parlament während der Großen Koalition das innenpolitische Klima. Am linken Rand bilden Studenten und Intellektuelle eine außerparlamentarische Opposition (APO). Ihre nicht selten gewalttätigen Demonstrationen richten sich vor allem gegen den Krieg in Vietnam, den Zeitungsverleger Axel Springer und die geplanten Notstandsgesetze. Die Protestbewegung setzt Zeichen eines revolutionären Aufbegehrens der Jugend gegen die tradierte Werteordnung ihrer Eltern. Doch spürbare Veränderungen finden sich bereits in der ersten Hälfte der 60er Jahre, insbesondere im kulturellen Bereich. Hier verstärkt die APO lediglich eine längst in Gang gekommene Entwicklung. Der Staat und seine führenden Repräsentanten sind auf die Herausforderungen der APO nicht vorbereitet. Bereitschaft zu einer differenzierten Auseinandersetzung mit den Kritikern der modernen Industriegesellschaft besteht kaum, vielfach werden harte Maßnahmen gefordert. Nur wenige, wie der Justizminister Gustav Heinemann (SPD), fragen selbstkritisch nach einer möglichen Mitschuld der etablierten Politik an der gewaltsamen Eskalation. Infolge der Protestbewegung verändert sich die politische Kultur in der Bundesrepublik nachhaltig. Die politischen Institutionen verlieren merklich an Autorität, in der Bevölkerung wächst ein kritischeres Demokratieverständnis. Der Wunsch nach Anerkennung in der Bevölkerung zwingt die DDR-Führung
nach dem Mauerbau zu einer Neuorientierung ihres innen- und wirtschaftspolitischen
Kurses. Der "egoistische" Anspruch der Menschen auf ein besseres Leben
gilt nicht mehr als unvereinbar mit dem Aufbau des Sozialismus. Insbesondere
auf kulturellem Gebiet lässt die SED Neuerungen
zu. In der Spätphase Ulbrichts
ist zwar wieder eine ideologische Verhärtung zu beobachten, doch
lässt sich eine Rückkehr zu den alten stalinistischen Führungsmethoden
mit den wirtschaftlichen Zielsetzungen kaum vereinbaren. In der Folgezeit
kommt es immer wieder zu Konflikten zwischen Dogmatismus und Sachzwängen.
Erst unter dem neuen Ersten Sekretär der SED, Erich
Honecker, setzt wieder eine von der DDR-Führung geduldete Liberalisierung
im Kulturbereich ein. (ahw/reh) © Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland |