1974-89

 

Entwicklungen in der Kultur

Gemälde: Harald Duwe "Vater mit Kind vor Straßenkreuzer", 1971
Roman: Anna Wimschneider "Herbstmilch. Lebenserinnerungen einer Bäuerin", 1989
Ausstellungskatalog: Die Zeit der Staufer, 1977
Zeitschrift: "Der Spiegel" zur US-Fernsehserie "Holocaust", 1979

Neue Techniken revolutionieren in den 80er Jahren die Kommunikationssysteme der Industriegesellschaft und leiten ein neues Medienzeitalter ein. Mit der Einführung von Kabel- und Satellitenfernsehen verlieren die öffentlich-rechtlichen Anstalten ARD und ZDF ihr Rundfunkmonopol. Die Beteiligung der Privatwirtschaft an Hörfunk- und Fernsehsendern lässt das Programmangebot um ein Vielfaches wachsen.
Während die Medienwelt immer undurchschaubarer wird, wächst die Sehnsucht nach Vertrautheit und Berechenbarkeit. Die Suche nach der "Heimat", einem von den Nationalsozialisten ideologisch missbrauchten Begriff, wird zum gesellschaftlichen Thema. Dabei zeigt sich, dass die Beschäftigung mit der eigenen Identität und Herkunft nicht von der Geschichte des Nationalsozialismus zu trennen ist.

Die Privatsender, die seit 1984 ihr vor allem durch Werbeeinnahmen finanziertes Programm in der Bundesrepublik ausstrahlen können, konzentrieren sich in den Händen finanzkräftiger Verleger und Medienkonzerne wie Bertelsmann und Leo Kirch. Bis Ende der 80er Jahre entwickeln sie sich zu ernsthaften Konkurrenten der öffentlich-rechtlichen Anstalten, die sich im Kampf um die Einschaltquoten immer stärker der publikumsorientierten Programmgestaltung der Kommerzsender anpassen.

Die Auseinandersetzung mit einem wachsenden Heimatbewusstsein spiegelt sich in der Literatur, in Filmen und in der Musik wider. Damit einher geht ein wachsendes Geschichtsbewusstsein, das nach Auffassung vieler Intellektueller in der Bundesrepublik aufgrund des Nationalsozialismus unterentwickelt ist. In der Geschichtsvergessenheit sehen viele eine Gefahr für den Bestand des parlamentarisch-demokratischen Staates. Ende der 70er Jahre setzt jedoch ein wahrer Geschichts- und Ausstellungsboom ein, Heimatmuseen und historische Großausstellungen erleben einen nie gekannten Publikumsandrang.

Das wachsende Geschichtsbewusstsein der Deutschen und der immer größer werdende zeitliche Abstand zum Dritten Reich fördern die Bereitschaft, sich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Eine neue Debatte wird 1979 mit Ausstrahlung der amerikanischen Serie "Holocaust" ausgelöst. Die Darstellung des Schicksals einer einzelnen jüdischen Familie schafft Identifikationsmöglichkeiten, die Millionen von Zuschauern das Unbegreifliche plötzlich begreifbar machen. Die Emotionen, welche die Serie hervorruft, offenbaren, dass eine wirkliche Aufarbeitung der Geschichte des nationalsozialistischen Terrorregimes in den 35 Jahren seit Kriegsende nicht stattgefunden hat.

(ahw) © Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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