1989/90

 

Wandel im Osten: Friedensgebete

Photo: Teilnehmer der Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche, 1989
Textil: Schärpe der Leipziger Montagsdemonstrationen, 1989

In Leipzig gestalten oppositionelle Gruppen die seit 1981 bestehenden und 1985 wiederbelebten Friedensgebete, an denen auch Nichtchristen teilnehmen. Im September und Oktober 1989 entwickelt sich aus diesen traditionellen Friedensgebeten und den anschließenden Montagsdemonstrationen ein Aufstand in Leipzig, der zur Initialzündung für die sogenannte Herbstrevolution wird. Die Gewaltlosigkeit als Mittel politischer Auseinandersetzung verbindet alle Beteiligten der Friedensgebete.

Die Friedensgebete gehören zur christlichen Kultur des Widerstandes in der DDR und führen Formen der Friedensbewegung fort. Bereits im Laufe des Frühjahrs 1988 finden sich mehr und mehr Ausreiseantragsteller zu diesen Gebeten ein, und im März kommt es im Anschluss an die Friedensgebete zu ersten Demonstrationen von Ausreisewilligen. In der Folge fordert der SED-Staat die Kirche immer wieder dazu auf, die Gebete zu unterlassen oder sie zu entpolitisieren.

Am 7. Mai 1989 demonstrieren 1000 Menschen auf dem Markt in Leipzig gegen den Wahlbetrug der SED. Am 8. Mai wird während des Friedensgebets, nun auch "Montagsgebet" genannt, erstmals ein Polizeikessel um die Nikolaikirche gebildet. Am 4. September findet schließlich die erste der Montagsdemonstrationen nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche statt, die bald nicht mehr alle Besucher fassen kann. Deshalb werden die Friedensgebete in den folgenden Wochen auf andere Leipziger Kirchen ausgedehnt. Am 25. September demonstrieren etwa 8000 Menschen, am 9. Oktober sind es schon über 70.000. Die Sicherheitskräfte versuchen gewaltsam, die Demonstrationen zu verhindern. Die traditionell kirchlichen Friedensgebete werden durch den Protest gegen die vom Staat ausgeübte Gewalt zusätzlich politisiert. Die Gebete für Gewaltfreiheit übertragen sich auf die Parolen der Straße:" Keine Gewalt!" rufen im Herbst 1989 Demonstranten in der ganzen DDR.

(ke) © Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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