1945-49

 

Hunger nach Kultur: Literatur

Zahlungsmittel: Gutschein einer Buchhandlung über 10 Reichspfennig, 1947/48
Roman: Graham Greene "Das Herz aller Dinge", 1949

Der literarische Neuanfang in Deutschland gestaltet sich unterschiedlich: Für einen Teil der Schriftsteller verlangt die Last der Vergangenheit nach inhaltlicher Bewältigung, die Stilistik, ihrer Meinung nach während des NS-Regimes "in Phrasen und Klischees erstarrt", nach einer grundlegenden Erneuerung.
Andere Literaten flüchten in die Innerlichkeit, knüpfen an bürgerlich-romantische Traditionen an und finden Trost in der dichterischen Verklärung der Natur.
Da Papier Mangelware ist, können Bucherzeugnisse nur in geringen Auflagen erscheinen. "Klassiker", im "Dritten Reich" verbotene und ausländische Schriftsteller, aber auch eine neue Generation junger Autoren bestimmen die Verlagsprogramme. Die Besatzungsmächte kontrollieren durch Lizenzvergaben und Papierzuteilung die Verbreitung der literarischen Publizistik.

Nach der kulturellen Isolation der vergangenenen Jahre wollen Verlagshäuser wie Rowohlt und Suhrkamp dem deutschen Publikum vor allem moderne deutsche Schriftsteller wie Heinrich Böll und Wolfgang Borchert, aber auch ausländische Autoren wie Graham Greene, Ernest Hemingway (1899-1961) und Jean-Paul Sartre nahe bringen. Auch die Werke von Thomas Mann, Hermann Hesse, Erich Kästner und Kurt Tucholsky, die im "Dritten Reich" verboten waren, werden wieder verlegt. Um trotz der Papierknappheit den ungeheuren Lesehunger der Nachkriegsgesellschaft stillen zu können, lässt der Verleger Heinrich Maria Ledig-Rowohlt (1908-1992) Bücher auf Zeitungspapier drucken und als "Rowohlts Rotations-Romane" verkaufen. Sie sind Vorläufer der späteren Taschenbuchreihe rororo.

Bereits wenige Monate nach Kriegsende erlebt Deutschland eine Blüte politisch-literarischer Zeitschriften, die sich vor allem als Sprachrohr der jungen Generation verstehen und nachdrücklich eine grundlegende geistige und gesellschaftliche Erneuerung Deutschlands fordern. Große Bedeutung erlangt die von Alfred Andersch und Hans Werner Richter herausgegebene Zeitschrift "Der Ruf", die wegen ihrer kritischen Auseinandersetzung mit der Besatzungspolitik von den amerikanischen Besatzungsbehörden verboten wird. Als neues literarisches Diskussionsforum initiieren beide Herausgeber daraufhin die "Gruppe 47", zu deren Mitgliedern u.a. Günter Eich, Wolfdietrich Schnurre, und Ilse Aichinger zählen. Sie fordern eine zeitgemäße Sprache und eine realitätsnahe Literatur des politischen Engagements und der radikalen Wahrheit.

(ahw) © Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

II. WeltkriegNachkriegsjahreGeteiltes DeutschlandHomeLeMOImpressum